Osteopathie beim Pferd – Chancen und Grenzen von manueller Therapie
- Beate

- 27. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Osteopathie, Physiotherapie und Co. gehören heute für viele Pferdebesitzer selbstverständlich zur Gesundheitsvorsorge. Sie werden präventiv eingesetzt, begleitend zum Training oder zur Rehabilitation – oft mit spürbar positiven Effekten.
Gleichzeitig zeigt sich in der Praxis immer wieder: Trotz regelmäßiger Behandlungen kehren dieselben Probleme zurück, die Grundproblematik bleibt bestehen.
Warum ist das so?
Was Osteopathie leisten kann
Osteopathie ist eine sanfte, manuelle Therapieform, die den gesamten Körper des Pferdes in den Blick nimmt. Behandelt werden unter anderem:
Knochen und Gelenke
Muskeln, Sehnen und Bänder
Faszien und myofasziale Ketten
das craniosakrale System
innere Organe und deren Aufhängungen
Ziel ist es, Bewegungseinschränkungen aufzuspüren, Spannungen zu lösen und die Selbstregulation des Körpers zu unterstützen.
In der Praxis kann Osteopathie am Pferd vor allem:
den Parasympathikus aktivieren und damit Entspannung fördern
Stress abbauen und das allgemeine Wohlbefinden steigern
Mobilität verbessern oder wiederherstellen
die Atmung positiv beeinflussen
bei Verdauungsbeschwerden unterstützend wirken
bei neurologischen Auffälligkeiten regulierend begleiten
Richtig eingesetzt, ist Osteopathie eine wertvolle Unterstützung für das Pferd – sowohl körperlich als auch nerval.
Wo ihre Grenzen liegen
Die meisten Probleme, die Pferde im Training oder im Alltag zeigen, resultieren nicht aus einem einzelnen Unfall oder einem akutem Trauma. Sie entstehen schleichend und durch Bewegungen, die über Monate oder Jahre hinweg den Körper mit ungefilterten Kräften überlastet haben.
Genau hier stößt eine rein manuelle Therapie an ihre Grenze. Denn: Was sich im Körper als Spannung, Einschränkung oder Befund zeigt, ist oft die Folge, nicht jedoch die Ursache.
Kein „Einrenken“ – ein Exkurs zur Tensegrität
Der Pferdekörper funktioniert nicht wie ein Baukastensystem, in dem sich einzelne Teile unabhängig voneinander „richten“ lassen. Er folgt den Prinzipien der Tensegrität: Sämtliche Strukturen stehen über Zug- und Spannungsverhältnisse miteinander in Beziehung. Knochenpositionen sind abhängig von den umgebenden Spannungen in Muskeln, Faszien und dem restlichen System.
Das bedeutet, dass eine vermeintliche „Blockade“ selten ein isoliertes Problem darstellt. Sie entsteht vielmehr aus dem Zusammenspiel von Kräften – und verschwindet nicht dauerhaft, wenn sich dieses Zusammenspiel nicht verändert.
Manuelle Therapie kann Spannungen reduzieren. Sie kann dem Körper einen neuen Zustand anbieten. Sie kann jedoch nicht verändern, wie sich das Pferd danach im Alltag bewegt.
Warum Bewegung entscheidend ist
Pathologische Bewegungsmuster entstehen nicht über Nacht. Sie entstehen in der täglichen Bewegung – an der Hand, unter dem Sattel, auf der Koppel.
Solange sich das Pferd weiterhin in derselben Balance organisiert, solange es dieselben Kräfte abfangen muss, solange es dieselben Kompensationen nutzt, werden sich Spannungen auch nach einer Behandlung zwangsläufig erneut aufbauen. Nicht, weil die Therapie zwangsläufig schlecht war, sondern weil der Körper zu dem Muster zurückkehrt, das er gewohnt ist.
Osteopathie sinnvoll einbetten
Osteopathie entfaltet ihre größte Wirkung, wenn sie Teil eines Gesamtkonzepts ist.
Beispielsweise als:
Unterstützung bei akuten oder chronischen Spannungen
Vorbereitung oder Begleitung von Trainingsveränderungen
Ergänzung zur schulmedizinischen Behandlung
Was sie nicht ersetzen kann: die Notwendigkeit, Bewegung langfristig zu verändern.
Fazit
Osteopathie kann viel. Sie kann Spannungen lösen und dem Körper neue Möglichkeiten anbieten.
Als ausgebildete Pferdeosteopathin sehe ich ihren Wert – und zugleich ihre Grenze. Denn manuelle Therapie verändert nicht, wie sich ein Pferd im Alltag bewegt.
Nachhaltige Veränderung entsteht nur dort, wo das Pferd lernt, Balance neu zu denken und Bewegung neu zu organisieren.
Sanfte Therapie kann diesen Prozess unterstützen. Sie kann ihn jedoch nicht ersetzen.


