Warum Therapien bei Hufrollensyndrom, Spat & Co oft scheitern
- Beate

- 27. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Degenerative Erkrankungen des Bewegungsapparats gehören zu den häufigsten Diagnosen beim Reitpferd. Hufrollensyndrom, Spat sowie Arthrosen weiterer Gelenke gelten als fortschreitend und häufig als nicht heilbar.
Die therapeutischen Möglichkeiten sind vielfältig. Der langfristige Erfolg bleibt dennoch oft aus.
Warum?
Schulmedizinische Sicht: viele Ursachen, viele Maßnahmen
Aus schulmedizinischer Perspektive werden degenerative Erkrankungen unter anderem in Zusammenhang gebracht mit:
genetischer Disposition
Fehlstellungen und ungünstiger Hufbalance
andauernder Überlastung
asymmetrischer Belastung
altersbedingten Veränderungen
entzündlichen Prozessen
strukturellen Veränderungen von Knochen, Knorpel, Sehnen und Bändern
Entsprechend breit ist das therapeutische Spektrum:
entzündungshemmende Medikamente
Injektionen (z. B. Kortison, Hyaluronsäure)
orthopädischer Beschlag
Physiotherapie und Osteopathie
Stoßwellen- oder Lasertherapie
Trainingsreduktion oder Schonung
Diese Maßnahmen können Symptome lindern – teilweise sehr effektiv. Was sie jedoch meist nicht leisten: eine nachhaltige Veränderung der Belastungssituation, aus der die Erkrankung überhaupt entstanden ist.
Der Denkfehler: Struktur behandeln, Bewegung übersehen
Moderne Betrachtungen zeigen, dass viele degenerative Erkrankungen nicht primär als lokale Strukturschäden zu verstehen sind, sondern als das Resultat dauerhaft ungünstiger Bewegungsabläufe.
Entscheidend ist nicht der einzelne Befund, sondern die Frage, wie Kräfte im Körper des Pferdes entstehen, aufgenommen und weitergeleitet werden – bei jedem Schritt, über Jahre hinweg.
Hufrollensyndrom: wenn sich der Bewegungsablauf im entscheidenden Moment verschiebt
Jean-Luc Cornille von Science of Motion analysiert Probleme im Bereich der Hufrolle nicht als isolierte Erkrankung der Struktur allein, sondern als langfristige Folge einer kinematischen Abweichung im Bewegungsablauf.
Im letzten Abschnitt der Stützbeinphase – wenn das jeweilige Vorderbein die maximale Last trägt – richtet sich das Röhrbein normalerweise auf. Der Fesseltragapparat federt, der Fesselkopf hebt und der Winkel zwischen Röhrbein und Fessel öffnet sich. So können die einwirkenden Kräfte elastisch aufgenommen und für den nächsten Schritt umgewandelt werden.
Bei Pferden mit Hufrollensyndrom zeigt sich jedoch oft ein anderes Bild: Während die Belastung bereits maximal ist, rotiert das Röhrbein weiter nach vorne, anstatt sich aufzurichten. Der Winkel zwischen Röhrbein und Fessel öffnet sich nicht ausreichend.
Die mechanische Folge ist gravierend:
die knöcherne Säule des Vorderbeins drückt verstärkt nach unten
gleichzeitig verstärkt die Vorwärtsbewegung der oberen Gliedmaße den Zug auf die tiefe Beugesehne
Diese Kombination aus Druck und Zug belastet nicht nur das Strahlbein selbst, sondern auch die umgebenden Weichteilstrukturen dauerhaft.
Die Ursache dieser pathologischen Bewegung ist bei jedem betroffenen Pferden eine andere. Sie liegt nicht im Hufrollenapparat selbst, sondern in der fehlerhaften Koordination der Bewegung, die das Vorderbein kurz vor dem Abfußen in eine ungünstige Position zwingt.
Wo diese kinematische Abweichung korrigiert werden kann, ist auch eine Rückkehr zur Lahmfreiheit möglich – nicht durch lokale Maßnahmen am Hufs, sondern durch die nachhaltige Veränderung des Bewegungsablaufs.
Spat – Sprunggelenksarthrose als Ausdruck von Kompensation
Bei Spat handelt es sich um eine degenerative Veränderung des Sprunggelenks. Auch diese ist kein isoliertes Gelenkproblem, sondern eine Folge pathologischer Koordination des Pferdekörpers.
Ist die Balance des Pferdes gestört – etwa durch gegenläufige Rotation im Rumpf –, wird die Hinterhand gezwungen, diese Defizite auszugleichen. Das Sprunggelenk übernimmt dabei eine kompensatorische Stabilisierungsfunktion, statt Bewegung elastisch weiterzugeben.
Die Folge:
ungleichmäßige Druckverhältnisse und dauerhafte Überlastung im Gelenk
chronische Reizung von Knorpel und Knochen
langfristige arthrotische Veränderungen
Auch hier gilt: Nicht das Gelenk an sich ist das Problem. Es reagiert lediglich auf Kräfte, die es dauerhaft überfordern.
Warum Therapie allein nicht ausreicht
Therapeutische Maßnahmen können:
Schmerzen lindern
Entzündungen reduzieren
Beweglichkeit kurzfristig verbessern
Was sie nicht können: die Art und Weise, wie das Pferd sich alltäglich bewegt, verbessern. Bleibt die Balance unverändert, wirken dieselben Kräfte weiterhin auf dieselben Strukturen. Und die Therapie behandelt bloß die Folgen – nicht den Ursprung.
Der entscheidende Ansatz: Bewegung neu erlernen
Nachhaltige Rehabilitation setzt dort an, wo Belastung entsteht: in der Bewegung selbst. Das bedeutet:
individuell angepasstes, bewusstes Training
Arbeit an funktioneller Balance
Reduktion kompensatorischer Muster
Entwicklung einer guten Koordination
Je nach Schwere des Befunds kann dies zu einer deutlichen Entlastung, Stabilisierung oder sogar funktionellen Verbesserung führen. Nicht durch immer neue Maßnahmen, stattdessen durch eine andere Art, Bewegung zu verstehen und zu begleiten.
Fazit
Degenerative Erkrankungen entstehen nicht plötzlich und sie verschwinden auch nicht einfach wieder durch einzelne Behandlungen. Wer langfristig etwas verändern möchte, muss den Blick vom Befund lösen – und sich der Bewegung zuwenden, aus der er entstanden ist.
Nicht als Ersatz für Therapie, sondern als ihre notwendige Grundlage.


