Muss man das Rad denn immer wieder neu erfinden?
- Beate

- 25. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 26. Dez. 2025
In der Arbeit mit Pferden taucht diese Frage immer dann auf, wenn vertraute Bilder ins Wanken geraten. Sie wird meist nicht gestellt, weil etwas wirklich neu ist, sondern weil etwas Gewohntes hinterfragt wird.
Denn vieles von dem, was wir heute in der Reiterei tun, beruht auf Tradition. Es wird weitergegeben, wiederholt, verfeinert – ohne dabei die Grundannahmen zu hinterfragen.
Moderne Reitkunst wird dabei häufig auf äußere Formen reduziert: auf Lektionen, die Haltung des Halses oder die Höhe des Trittes. Was dabei in den Hintergrund tritt, ist die Frage, wie Bewegung entsteht – und was sie im Körper des Pferdes tatsächlich bewirkt.
Alte Meister, großes Gefühl – begrenztes Wissen
Die großen Reiter vergangener Jahrhunderte waren keine Theoretiker. Sie waren Beobachter. Mit feinem Gefühl und viel Erfahrung erkannten sie Zusammenhänge, lange bevor diese wissenschaftlich erklärt werden konnten.
Sie arbeiteten mit dem, was ihnen zur Verfügung stand: Intuition, Auge, Empfinden. Dass viele ihrer Methoden funktionierten, stellt niemand in Frage. Doch daraus zu schließen, dass dieses alte Wissen vollständig ist, greift zu kurz.
Denn Intuition ersetzt keine Erkenntnis. Und Erfahrung wird nicht automatisch zeitlos.
Wenn Tradition zur Grenze wird
Über Jahrzehnte hat sich ein Bild etabliert, in dem Kraft, Tragfähigkeit und Balance vor allem „von hinten“ gedacht werden: die Hinterhand als Motor, als Ursprung von Versammlung, Geraderichtung, Selbsthaltung. Dass sie Vortrieb erzeugt, ist unbestritten. Doch Vortrieb allein erzeugt noch keine Balance.
Was lange fehlte, war der Blick auf das, wie diese Kraft im Körper des Pferdes organisiert wird – oder eben nicht.
Organisation vor Kraft
Moderne Forschung erlaubt heute ein differenzierteres Verständnis. Der Körper des Pferdes bewegt und trägt sich nicht mittels starrer Strukturen. Er organisiert sich über tensegrale Spannung, über ein fein abgestimmtes Zusammenspiel von Muskulatur und Faszien.
Insbesondere Vorhand und Rücken übernehmen dabei eine zentrale Rolle: Sie bestimmen, wie der Körper ausbalanciert wird, wie Kräfte aufgenommen und weitergeleitet werden.
Kraft aus der Hinterhand ist nur dann hilfreich, wenn sie auf einen Körper trifft, der diese Kraft verarbeiten kann. Ohne diese Koordination entsteht Dissonanz. Mit ihr entsteht Tragfähigkeit.
Warum viele Probleme dort entstehen, wo sie nicht sichtbar sind
In der Praxis zeigt sich häufig: Probleme werden dort gesucht, wo sie sich zeigen. Unregelmäßigkeiten, Schiefe, Überlastungen – sie werden oft der Hinterhand zugeschrieben,weil sie dort spürbar werden. Doch der Körper arbeitet als Ganzes und was hinten kompensiert wird, hat seinen Ursprung oft weiter vorn.
Wenn Balance fehlt, wenn der Rumpf instabil ist, muss die Hinterhand ausgleichen. Nicht, weil sie „zu schwach“ ist, sondern weil sie in einem System arbeitet, das sich nicht selbst trägt.
Wissen weiterdenken - Reitkunst neu gedacht
Gesetzmäßigkeiten im Körper des Pferdes waren immer vorhanden – auch wenn sie lange nicht benannt werden konnten. Dass frühere Generationen vieles richtig gemacht haben, spricht für ihr Gefühl. Dass wir heute mehr darüber wissen, verpflichtet uns, dieses Wissen auch zu nutzen.
Reitkunst neu gedacht bedeutet demnach nicht, Bewährtes zu verwerfen oder Tradition gegen Moderne auszuspielen. Es bedeutet, genauer hinzusehen. Sich nicht an äußeren Bildern festzuhalten, sondern Bewegung in ihrer Funktion zu verstehen. Nicht mehr Kraft zu erzeugen, sondern vorhandene Kräfte sinnvoll neu zu organisieren.
Es geht nicht darum, das Rad neu zu erfinden, sondern darum, es dort weiterzudenken, wo wir heute tiefer blicken können als früher.
In der Ausbildung von Pferden, ebenso wie in der Rehabilitation zeigt sich täglich, wie entscheidend dieses Verständnis ist. Es ist die Basis einer verantwortungsvollen wie nachhaltigen Arbeit.


