Das Märchen vom Gehorsam
- Beate

- 26. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 29. Dez. 2025
Gehorsam gilt in der Reiterei bis heute als Tugend. Ein „braves“ Pferd ist eines, das funktioniert, nicht widerspricht und Anforderungen ohne Zögern umsetzt.
Diese Vorstellung hat eine Geschichte. Und sie prägt unser Denken bis heute – oft unbewusst.
Ein Erbe aus militärischer Zeit
Die deutsche Reiterei ist historisch eng mit dem Militär verbunden. Ein Pferd im Kriegseinsatz musste auf den Punkt reagieren. Sekundengehorsam war keine pädagogische Frage, sondern eine des Überlebens.
In diesem Kontext war es sinnvoll, dem Pferd Entscheidungen abzunehmen.Zögern, Innehalten oder Hinterfragen konnten lebensgefährlich sein.
Doch dieser Kontext existiert nicht mehr. Unsere Pferde tragen heute keine Soldaten in den Krieg. Sie tragen Menschen in ihrer Freizeit. Ein zeitgemäßer Umgang mit dem Pferd erfordert daher ein grundsätzlich anderes Verständnis von Ausbildung und Verantwortung.
Wenn Gehorsam zum Maßstab wird
Trotzdem ist der Begriff geblieben und mit ihm eine Erwartungshaltung, die dem Pferd wenig Raum lässt. Gehorsam bedeutet: ausführen, nicht hinterfragen, funktionieren, nicht empfinden, durchhalten, nicht abwägen.
Für den Körper wie für das Nervensystem des Pferdes ist das problematisch. Ein Pferd, das keine Möglichkeit hat, Anforderungen einzuordnen oder Grenzen zu zeigen, lernt nicht – es passt sich an, oft über seine körperlichen oder mentalen Möglichkeiten hinaus.
Das Resultat ist bekannt: Überlastung, Spannung, Stress, Verschleiß. Ein Pferd, das innerlich abschaltet - oder auf die Barrikaden geht.
Lernen braucht Mitdenken
Ein Pferd ist kein Befehlsempfänger. Es ist ein lernendes, wahrnehmendes Wesen mit einem hochsensiblen Körper.
Gesunde Entwicklung entsteht dort, wo das Pferd Zeit bekommt, Informationen zu verarbeiten, Bewegungen zu sortieren, Empfindungen einzuordnen.
Das erfordert etwas, das im klassischen Gehorsamsverständnis keinen Platz hat: Mitdenken. Ein Pferd, das eine Aufgabe prüfen darf, entwickelt Körpergefühl. Ein Pferd, das auch einmal „Nein“ sagen darf, entwickelt Selbstwahrnehmung. Und ein Pferd, das gehört wird, entwickelt Vertrauen.
Das „Nein“ als wertvolle Information
Ein „Nein“ ist kein Ungehorsam. Es ist eine Rückmeldung. Es kann bedeuten:„Das ist zu viel.“ „Das verstehe ich nicht.“ „Mein Körper kann das gerade nicht leisten.“
Wer diese Signale ignoriert und auf Durchsetzung setzt, verliert den Dialog. Wer sie ernst nimmt, gewinnt tiefen Einblick. Langfristig entsteht so kein widersetzliches Pferd – sondern eines, das bewusst mitarbeitet.
Wie das in der Praxis aussehen kann, berichtet eine Schülerin in einem anderen Artikel.
Partnerschaft statt Unterordnung
Eine vertrauensvolle Partnerschaft basiert nicht auf Kontrolle, sondern auf Kommunikation. Nicht auf blinder Ausführung, sondern auf gegenseitigem Wahrnehmen.
Ein Pferd, das sich sicher fühlt, wird kooperativ. Ein Pferd, das verstanden wird, bietet an. Ein Pferd, das sich organisieren darf, entwickelt Tragfähigkeit – körperlich wie mental.
Das ist kein Verlust an Kontrolle, aber ein Gewinn an Qualität.
Reitkunst neu gedacht
Reitkunst neu gedacht heißt, Gehorsam nicht länger als Ziel zu begreifen. Nicht das Pferd soll sich unterordnen, sondern der Mensch lernen, zuzuhören.
Denn nachhaltige Ausbildung entsteht nicht dort, wo das Pferd gehorcht – sondern dort, wo es versteht, mitgestaltet und Verantwortung für seinen eigenen Körper übernehmen kann.
In der täglichen Arbeit mit Pferd und Mensch zeigt sich, wie sehr ein solcher Perspektivwechsel Lernprozesse verändert.


