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Hinterbein gut, alles gut?

  • Autorenbild: Beate
    Beate
  • vor 4 Tagen
  • 2 Min. Lesezeit

Ein weit verbreiteter Irrtum


Dass ein Pferd „nur genug vorwärts“ gehen müsse, damit es sich irgendwann trägt, ist kein logischer Schluss – sondern ein tief verankerter Denkfehler der modernen Reiterei.


Er ist so verbreitet, weil er einfach ist: Ein Pferd vermehrt anzutreiben, es zum weiten Untertreten mit dem Hinterbein zu animieren und Aktivität zu erzeugen, ist vergleichsweise leicht. Sich mit Balance, Tragen und Koordination auseinanderzusetzen, ist hingegen deutlich anspruchsvoller – für Reiter und Pferd.


Doch genau hier liegt der Unterschied zwischen bloßer Fortbewegung und der Entwicklung von Tragfähigkeit.


Warum Untertreten allein nicht hilft


Das Hinterbein erzeugt Impuls. Dieser Impuls ist zunächst horizontal nach vorne gerichtet.


Ob daraus Aufwärtsbewegung entsteht, entscheidet sich nicht im Hinterbein selbst – sondern auf dem Weg, den diese Kraft durch den Körper nimmt.


Ein Pferd entwickelt keine stärker aufwärts gerichtete Bewegung, nur weil das Hinterbein weit untertritt. Es kommt ins Aufwärts, wenn der hinten erzeugte Impuls durch den Rücken geleitet, organisiert und in der Vorhand in vertikale Kräfte umgewandelt werden kann.


Ohne diese Fähigkeit bleibt Tempo genau das: Tempo.


Wenn Geschwindigkeit Organisation ersetzt


Viele Pferde wirken fleißig, raumgreifend und aktiv – und bewegen sich trotzdem flach und schwerfällig durch die Bahn.


Nicht aufgrund fehlenden Engagements, sondern weil der Körper die erzeugten Kräfte nicht effizient organisiert und umwandelt.


Mehr Tempo verstärkt dieses Problem oft nur: Der Impuls aus der Hinterhand trifft auf einen Rücken, der ihn nicht koordinieren kann. Die Folge ist nicht die Aufrichtung der Vorhand, sondern ihre stärkere Belastung.


Aufwärts entsteht vorne – nicht hinten


Das ist der unbequeme Teil dieser Erkenntnis.


Der initiale Impuls kommt aus der Hinterhand. Das Aufwärts entsteht aber in der Vorhand.


Die Vorderbeine sind biomechanisch prädestiniert dafür, den Rumpf anzuheben – wenn sie nicht bereits überlastet sind. Nur dann können sie elastisch arbeiten, federn und den Körper effizient aufrichten.


Kann der Rücken den Impuls aus der Hinterhand nicht stabil transportieren, verwandelt sich die Vorhand von der Feder zur Stütze. Ohne eine aktive, tragfähige Organisation wird diese Kraft zwangsläufig nach vorne und unten „durchgereicht“.


Das Pferd wird schneller. Aber nicht besser balanciert.


Balance ist keine Folge von Tempo


Ein Pferd lernt nicht tragen, weil es stark vorwärts geht. Es lernt tragen, wenn es lernt, Impulse zu verarbeiten statt nur zu erzeugen.


Balance entsteht dort, wo der Rücken den Impuls aus der Hinterhand aufnehmen, führen und weitergeben kann – sodass die Vorhand ihn in Aufwärtsbewegung umwandeln kann.


Das ist leise Arbeit. Nicht spektakulär, aber dennoch entscheidend für die langfristige Gesundheit eines Reitpferdes.


Fazit


„Hinterbein gut, alles gut“ ist kein funktionelles Prinzip – sondern eine Vereinfachung, die Training oberflächlich macht.


Vorwärts ist leicht zu erzeugen. Aufwärts erfordert Organisation und Feingefühl.


Ein Pferd kommt nicht ins Gleichgewicht, weil es schneller läuft, stark mit den Hinterbeinen schiebt und weit mit den Hufen übertritt, sondern weil es lernt, mit der kreierten Energie effizient zu arbeiten.


Und genau dort beginnt echte Tragfähigkeit.

 
 

©2025 Fokus Pferd - Beate Möller

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