Was ein gesunder Pferderücken wirklich leisten muss
- Beate

- 4. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Betrachtet man in der Reiterei einen Pferderücken, wird dieser meist anhand seiner äußeren Erscheinung beurteilt: Anhand der Bemuskelung, anhand der Frage, ob er sich „aufwölbt“ oder „wegdrückt“, anhand seiner Fähigkeit, sich nach links und rechts zu biegen.
Diese Betrachtung ist verständlich – jedoch zu kurz gedacht.
Denn der Rücken ist nicht bloß die zwangsläufig vorhandene Brücke zwischen Vor- und Hinterhand. Er ist kein einfach formbares Bauteil, das sich beliebig in eine gewünschte Position bringen lässt.
Der Rücken ist der Dirigent des Pferdekörpers.
Hier entscheidet sich, ob die vielen gleichzeitig wirkenden Kräfte sinnvoll orchestriert werden – oder ob einzelne Körperbereiche ungefilterte Belastung übernehmen müssen, für die sie eigentlich gar nicht ausgelegt sind.
Die eigentliche Herausforderung: Kräfte von außen
Bewegung entsteht nicht aus dem Nichts. Mit jedem Schritt wirken zahlreiche äußere Kräfte auf den Pferdekörper ein:
Die Schwerkraft zieht den Rumpf permanent nach unten.
Der Bodenkontakt der Hufe erzeugt Aufprall- und Rückstoßkräfte.
Vorwärtsbewegung bringt Beschleunigung und Abbremsen mit sich.
Und weil der Körper dreidimensional im Raum organisiert ist, entstehen dabei zwangsläufig auch rotatorische Kräfte.
Diese Einwirkungen lassen sich nicht vermeiden. Kein Pferd kann ihnen ausweichen.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob sie wirken – sondern wie der Körper mit ihnen umgeht.
Gesunde Bewegung entsteht dort, wo diese Kräfte kontrolliert, um den Körperschwerpunkt herum organisiert und gleichmäßig im Körper verteilt werden.
Genau hier kommt dem Rücken eine Schlüsselrolle zu.
Der Rücken als Dirigent – nicht als Marionette
Aus funktioneller Sicht ist der Rücken kein passives Verbindungselement zwischen Vor- und Hinterhand. Er ist die zentrale Stelle, an der alle äußeren Einwirkungen zusammenlaufen.
Hier entscheidet sich, ob Kräfte:
zentral verarbeitet werden
oder ungefiltert in einzelne Körperbereiche abfließen.
In der Praxis begegnen uns diese Kräfte als genau jene Themen, über die im Training so viel gesprochen wird – „Aufwölben“, Biegung, Stabilität.
Im Pferdekörper existieren sie jedoch niemals isoliert. Sie sind Ausdruck ein und derselben organisatorischen Aufgabe.
Rumpftragen – oft als „Rücken aufwölben“ missverstanden
In der modernen Reiterei wird Tragfähigkeit häufig mit einem Aufwölben des Rückens unter und hinter dem Reiter gleichgesetzt.
Dieses Bild stammt aus mechanischen Vorstellungen – und greift zu kurz.
Der Rücken spannt sich nicht auf wie eine Brücke. Die eigentliche Leistung besteht darin, den Rumpf gegen die Schwerkraft zu stabilisieren. Diese Aufgabe übernimmt vor allem der Rumpftrageapparat, der den Brustkorb zwischen den Schulterblättern anhebt.
Die Veränderung der Rückenlinie ist dabei Ergebnis funktionierender Organisation, nicht deren Ursache.
Ohne diese Fähigkeit fehlt jeder weiteren Arbeit die notwendige Basis – unabhängig davon, wie spektakulär sie nach außen wirkt.
Laterale Ausrichtung – warum „Biegung“ ein sensibles Thema ist
Wenn von Biegung die Rede ist, denken viele an ein gleichmäßiges Rundmachen des Pferdekörpers von Kopf bis Schweif. Anatomisch ist das jedoch weder realistisch noch sinnvoll:
Die Halswirbelsäule ist in alle Richtungen sehr beweglich.
Die Brustwirbelsäule ist unter anderem durch Rippen und Brustbein stark in ihrer lateralen Beweglichkeit begrenzt.
Die Lendenwirbelsäule ist vor allem durch die massiven Querfortsätze der Wirbelkörper eingeschränkt und stabilisiert.
Die Wirbel des Kreuzbeins verknöchern in einem Alter von ca. 5 Jahren vollständig miteinander und versteifen somit.
Die Aufgabe im Training besteht deshalb nicht darin, überall ein Maximum an Biegung zu erzeugen, sondern ein sanftes Gleichmaß, das alle Strukturen mittragen können. Der Rumpf soll im Rahmen seiner Möglichkeiten eine leichte, funktionelle Biegung einnehmen – ohne Ausweichstrategien.
Auch hier geht es nicht um Form, sondern um Organisation: Kräfte sollen zentral bleiben, statt seitlich „aus dem Körper zu fließen“.
Rotation – die oft übersehene Dimension
Mit jedem Schritt, in dem sich ein Vorderbein in der Luft und das andere am Boden befindet, rotiert die Brustwirbelsäule minimal um den Körperschwerpunkt. Diese Rotation ist unvermeidlich – sie gehört zur Fortbewegung.
Problematisch ist nicht die Rotation an sich, sondern fehlende Kontrolle darüber sowie übermäßige oder eingeschränkte Bewegung.
Kann der Rücken diese rotatorischen Kräfte nicht kontrollieren, werden sie in den restlichen Körper übertragen.
Balance: Die Antwort auf Kräfte aus allen Richtungen
Tragfähigkeit entsteht nicht durch Form. Nicht durch ein „Aufspannen“ des Rückens. Nicht durch mehr Biegung oder mehr Aktivität.
Balance entsteht dort, wo der Rücken in der Lage ist, äußere Kräfte aus allen Richtungen gleichzeitig zu verwalten:
vertikal
horizontal
rotatorisch
Erst wenn diese drei Aspekte harmonisiert werden können, bewegt sich der Körper effizient, belastbar und langfristig gesund.
Konsequenz für Therapie und Training
Balance ist keine Frage von Loslassen, sondern von aktiver Organisation. Sie erfordert Kraft, Koordination und ein feines Zusammenspiel – in jedem einzelnen Schritt.
Vor diesem Hintergrund greift ein therapeutischer Ansatz, der primär auf Muskelentspannung, manuelle Mobilisationen oder Dehntechniken setzt, um Leistung zu verbessern, zu kurz. Nicht, weil diese Maßnahmen grundsätzlich falsch wären – sondern weil sie das eigentliche Problem nicht adressieren.
Der Pferderücken scheitert selten an zu viel Spannung allein. Er scheitert daran, dass er äußere Kräfte nicht ausreichend organisieren kann.
Wird lediglich Spannung reduziert, ohne die Fähigkeit zur aktiven Stabilisation und Kraftverwaltung aufzubauen, fehlt dem System anschließend immer noch genau das, was es im Alltag benötigt: Balance und Tragfähigkeit.
Nachhaltige Verbesserung entsteht erst dort, wo das Pferd im Training lernt, diese komplexe Aufgabe selbst zu übernehmen.
Nicht durch Form, sondern durch Funktion.
Nicht durch Korrektur von außen, sondern durch innere Orchestrierung.


