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Warum klassische Biomechanik im Pferdetraining an Grenzen stößt

  • Autorenbild: Beate
    Beate
  • 31. Dez. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

...und weshalb Balance nicht mechanisch hergestellt werden kann


Die moderne Reiterei stützt sich in weiten Teilen auf biomechanische Erklärungsmodelle. Sie versuchen, Bewegung über mechanische Zusammenhänge zu erklären: Hebel, Druck, Zug, Kraftübertragung.


Dieses Denken ist nachvollziehbar. Es ist anschaulich, scheinbar logisch – und gut vermittelbar.

Und doch zeigt die Praxis immer wieder: Trotz vermeintlich korrekter Ausbildung, sauberer Hilfengebung und konsequentem Training erreichen viele Pferde die langfristigen sportlichen Anforderungen nicht, bleiben instabil oder verschleißen chronisch.


Warum?


Das mechanische Grundmodell der englischen Reiterei


Ein zentrales biomechanisches Bild der heutigen Reiterei ist das sogenannte Brückenmodell:


Wenn das Pferd vorne nachgibt, den Hals senkt und die Hinterhand „mehr Last aufnimmt“, soll sich – nach biomechanischem Verständnis – der Rücken anheben, Spannung positiv verteilen und Tragfähigkeit entstehen.


Dieses Modell findet sich, in unterschiedlichen Formulierungen, auch in den Richtlinien der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN): Das Pferd soll von hinten nach vorne geritten werden, über den Rücken an die Hand herantreten, mit schwingendem Rücken und tragender Hinterhand.


Biomechanisch gedacht bedeutet das: Die Hinterhand erzeugt Vortrieb, dieser wird über die Wirbelsäule nach vorne übertragen, der Rücken wölbt sich auf, die Vorhand wird entlastet.


Dieses Bild prägt Ausbildung, Hilfengebung und Trainingsplanung bis heute.


Das Grundproblem: Der Pferdekörper funktioniert nicht mechanisch


Das biomechanische Modell setzt voraus, dass der Pferdekörper wie ein mechanisches System funktioniert: Kraft wird erzeugt, weitergeleitet, kontrolliert.


Doch genau hier liegt der Denkfehler. Der Pferdekörper ist keine Maschine mit festen Hebeln, sondern ein lebendiges Spannungsnetzwerk. Er folgt keinen mechanischen Gesetzen, sondern den Prinzipien der Tensegrität.


Der tensegrale Körper: Stabilität durch Spannung, nicht durch Konstruktion


Jean Luc Cornille von Science of Motion beschreibt den Pferdekörper als harmonisches tensegrales System: ein Gefüge aus Muskeln, Faszien, Bändern und Knochen, das Stabilität nicht durch starre Strukturen erhält, sondern durch dynamisch organisierte Spannung.


In einem solchen System gilt:


  • Knochen tragen nicht allein Last, sie werden durch Spannung geführt

  • Stabilität entsteht nicht lokal, sondern im gesamten System

  • Veränderung an einer Stelle beeinflusst immer den ganzen Körper


Balance in Bewegung entsteht nicht durch das „Zusammenschalten“ einzelner Körperteile, sondern durch gleichzeitige Koordination multidirektionaler Kräfte.


Das hat weitreichende Konsequenzen für das Verständnis von gesundem Pferdetraining.


Warum „von hinten nach vorne“ kein verlässlicher Ansatz ist


Im biomechanischen Denken soll die Hinterhand das Problem lösen: mehr Schub, mehr Untertreten, mehr Aktivität.


Im tensegralen Modell von Jean Luc Cornille zeigt sich jedoch: Kraft aus der Hinterhand kann nur dann sinnvoll wirken, wenn der Körper sie organisieren kann.


Fehlt diese Organisation, entsteht keine Tragfähigkeit, sondern:


  • Ausweichen

  • Überlastung einzelner Strukturen

  • kompensatorische Spannung

  • scheinbarer Schwung ohne Stabilität


Nach modernem Verständnis u.a. von Science of Motion hebt sich nicht der Rücken im Sinne einer Brückenkonstruktion. Vielmehr hebt das Pferd seinen Rumpf zwischen den Schulterblättern, wenn das Spannungsnetzwerk des Körpers eine neue Balance findet und so der Rumpftrageapparat aktiv arbeiten kann.


Balance ist keine Gewichtsverschiebung


Ein weiterer zentraler Irrtum der biomechanischen Sicht ist die Vorstellung, Balance entstehe durch eine Gewichtsverlagerung von vorne nach hinten.


Moderne Bewegungsanalysen zeigen: Das Körpergewicht des Pferdes bleibt auch in Versammlung überwiegend auf der Vorhand. Was sich verändert, ist nicht das Gewicht – sondern die Kontrolle der Kräfte, die auf den Körper wirken.


Balance bedeutet nicht: „mehr Last auf die Hinterhand bringen“.


Balance beschreibt vielmehr die Fähigkeit, vertikale, horizontale und rotatorische Kräfte, die auf das Pferd wirken, gleichzeitig zu organisieren, ohne dass einzelne Strukturen überfordert werden.


Versucht man Balance mechanisch herzustellen – etwa durch starkes Abkippen des Beckens oder massives Aktivieren der Hinterhand – entstehen neue Probleme: insbesondere im Bereich der Lendenwirbelsäule und des lumbosakralen Übergangs.


Die Skala der Ausbildung – ein lineares Modell für ein nichtlineares System


Die FN-Skala der Ausbildung ist eine der bekanntesten Richtlinien der Reiterei. Sie beschreibt eine Abfolge von Stufen in der Ausbildung eines Reitpferdes: erst Takt, dann Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichtung und schließlich Versammlung – Schritt für Schritt.


Dieses lineare Denken passt zum biomechanischen Modell: Erst wird etwas aufgebaut, dann kommt der nächste Baustein.


Im tensegralen Verständnis ist diese Abfolge jedoch problematisch. Denn: Takt, Losgelassenheit, Balance, Geraderichtung und Tragfähigkeit entstehen nicht nacheinander, sondern nur gemeinsam.


Fehlt einer dieser Aspekte, kann kein anderer dauerhaft stabil sein. Ein Pferd kann keinen freien Takt entwickeln, wenn es instabil ist. Es kann nicht losgelassen sein, wenn Kräfte nicht organisiert sind. Es kann keine Versammlung zeigen, wenn Balance fehlt.


Das System funktioniert nicht additiv, sondern synchron.


Warum das mechanische Denken zu Überforderung führt


Wenn man versucht, komplexe Bewegung über mechanische Vorgaben zu erzwingen, muss das Pferd Lösungen finden – unabhängig davon, ob sie gesund sind.


Auf die Folgen gehe ich in einem anderen Artikel näher ein.


Ein anderes Verständnis von Ausbildung


Balance ist kein Punkt am Ende der Ausbildung. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass der Pferdekörper den Rumpf tragfähig organisieren kann – und damit Grundlage jeder gesunden Bewegung.


Im tensegralen Ansatz wird das Pferd nicht „in Form gebracht“. Es wird ausgebildet, sich selbst organisiert und tragfähig zu bewegen.


Der Reiter erzeugt dabei keine Haltung, keine Bewegung. Er schafft Bedingungen, unter denen das Pferd neue Lösungen finden kann.


Mein Angebot, dich bei diesem wichtigen Lernprozess zu begleiten, findest du hier.


Fazit


Biomechanische Modelle bieten einfache Erklärungen. Doch sie greifen zu kurz, weil sie ein lebendiges System wie eine Maschine verstehen.


Der Pferdekörper folgt nicht linearen Ursache-Wirkungs-Ketten, sondern den Prinzipien der Tensegrität: Spannung, Organisation, Gleichgewicht.


Wer Ausbildung, Gesundheit und Tragfähigkeit langfristig verbinden will, muss Bewegung nicht erzwingen, sondern verstehen, wie sie entsteht.


Nicht Schritt für Schritt. Sondern als Ganzes.

 
 

©2025 Fokus Pferd - Beate Möller

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