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Zäumung als Streitthema: Warum oft nicht das Gebiss das Problem ist

  • Autorenbild: Beate
    Beate
  • vor 3 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Die Bilder, die viele Reiter heute aus dem Dressursport kennen, sind schwer auszuhalten: starker Zug am Zügel, strotzende Kandaren, fixierte Hände, sichtbarer Kraftaufwand gegen das Pferd.

Diese Bilder sind real – und sie sind problematisch. Und ja: In diesen Kontexten ist das Gebiss Teil des Problems.


Nicht, weil das Stück Metall per se schädlich wäre, sondern weil es in einem System eingesetzt wird, das auf Kontrolle, Form und Durchsetzung ausgerichtet ist – nicht auf Balance, Organisation und Tragen.


Diese Kritik ist berechtigt und notwendig.


Der verständliche Wunsch nach einem anderen Weg


Viele Freizeitreiter ziehen aus diesen Bildern einen klaren Schluss: Sie wollen genau das nicht.


Sie wünschen sich Leichtigkeit, Zusammenarbeit, feine Hilfen – keine Macht, keinen Zwang. Aus ethischen Gründen oder aus Sorge um das Wohl ihres Pferdes entscheiden sie sich daher bewusst gegen ein Gebiss.


Dieser Impuls ist nachvollziehbar. Er entspringt Verantwortung, nicht Ignoranz. Doch genau hier lohnt sich eine differenzierte Betrachtung.


Wann ein Gebiss tatsächlich nicht eingesetzt werden sollte


Es gibt Situationen, in denen ein Gebiss fehl am Platz ist:


  • akutes Schmerzgeschehen durch Verletzungen oder entzündliche Prozesse im Maul oder an den Maulwinkeln,

  • Zahnprobleme,


In solchen Fällen kann die Entscheidung gegen ein Gebiss notwendig sein.


Doch medizinische Fälle erklären nicht die große Zahl an Pferden, die:


  • das Gebiss nicht annehmen wollen,

  • stark oder hektisch kauen,

  • mit den Zähnen knirschen,

  • einen Zungenfehler haben,

  • den Kopf verwerfen,

  • den Kontakt meiden oder sich entziehen.


Hier liegt die Ursache meist nicht im Gebiss selbst.


Abwehr gegen das Gebiss ist selten das Kernproblem


Zeigt ein Pferd Abwehrreaktionen bei passender, intakter Ausrüstung und grundsätzlich ruhiger Einwirkung, dann ist das Gebiss in der Regel nicht der Ursprung des Problems – sondern lediglich ein Ort, an dem dieses sichtbar wird.


Das Maul ist hochsensibel und drückt die Spannungen aus, die wir im restlichen Pferdekörper finden können, meist hervorgerufen durch:


  • mangelnde Balance,

  • fehlende Tragfähigkeit,

  • gegenläufige Rotationen im Rumpf,

  • alles in allem: einen Rücken, der Impulse nicht stabil organisieren kann.


Das Pferd wehrt sich nicht gegen das Gebiss, sondern gegen die Unfähigkeit seines Körpers, mit den entstehenden Kräften umzugehen.


Warum gebisslos oft ruhig wirkt – aber nur an der Oberfläche kratzt


Wird in diesen Fällen das Gebiss weggelassen, verschwinden die Symptome häufig:


  • kein aufgeregtes Kauen mehr,

  • weniger sichtbarer Widerstand,

  • scheinbar mehr Entspannung.


Doch das bedeutet nicht automatisch, dass die:


  • Balance sich verbessert hat,

  • Tragfähigkeit gestärkt wurde,

  • Koordination sich entwickelt hat.


Oft wurde lediglich der Punkt entfernt, an dem das Pferd zuvor „Nein“ gesagt hat.


Das grundlegende Problem bleibt bestehen – es ist nur weniger offensichtlich.


Das Gebiss als feines Kommunikationsmittel – nicht als Zwangswerkzeug


Bei korrekter Verwendung durch einen fein ausgebildeten Reiter ist das Gebiss kein Hebel, kein Druckmittel und kein Instrument der Kontrolle.

Es ist ein hochpräzises Kommunikationsmittel, das minimale Veränderungen im Körperzustand des Pferdes erfahrbar macht – für beide Seiten.


Gerade bei Pferden mit Koordinationsproblemen ist diese Rückmeldung entscheidend, weil sie dort ansetzt, wo das Pferd selbst keine stabile Organisation findet. Der Kontakt am Gebiss zeigt deutlich, wie Impulse durch den Körper laufen – oder eben nicht.


Das ermöglicht,


  • Balance nicht zu fordern, sondern im Dialog gemeinsam zu suchen

  • und Impulse so zu begleiten, dass sie durch den Rücken fließen, statt in Spannung, Gegendruck oder Ausweichen zu enden.


Ohne diese differenzierte Rückmeldung fehlt dem Pferd die entschiedende Referenz für sein Körpergefühl in der sportlichen Anforderung.


Verantwortung statt Polarisierung


Es ist wichtig, beides gleichzeitig klar zu benennen:


  • Ja, in vielen sportlichen Kontexten wird das Gebiss missbräuchlich eingesetzt.

  • Nein, das Gebiss an sich ist nicht das funktionelle Kernproblem eines Pferdes mit Balance- oder Koordinationsdefiziten.


Die entscheidende Frage für mich lautet deshalb nicht: Gebiss oder gebisslos?


Sondern: Wie gut kann dieses Pferd Kräfte organisieren – und wie fein kann der Mensch mit seinem eigenen Körper unterstützen?


Fazit


Das Gebiss zu verteufeln ist verständlich – aber zu oberflächlich.


Abwehr am Gebiss ist selten ein Ausrüstungs-, sondern vielmehr ein Ausbildungsproblem. Sie ist ein Hinweis darauf, dass Balance und Koordination fehlen.


Wer genau hinhört, statt auszuweichen, gibt sich und dem Pferd die Chance, genau dort zu wachsen. Und genau darum geht es.

 
 

©2025 Fokus Pferd - Beate Möller

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