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Das Missverständnis vom Hohlkreuz beim Pferd

  • Autorenbild: Beate
    Beate
  • vor 8 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

Kaum ein Thema löst bei Reitern so schnell Unsicherheit aus wie der Rücken des Pferdes.


Die Angst ist groß:


Das Pferd könnte sich der Anlehnung entziehen. Den Hals zu hoch tragen. Den Rücken wegdrücken. Einen Senkrücken entwickeln.


Viele Reiter haben gelernt, dass das Pferd möglichst schnell in eine bestimmte Form gebracht werden muss: tief genug im Hals, rund genug im Genick, möglichst konstant „am Zügel“.


Entsteht diese Form nicht, wird häufig energisch eingegriffen.


Doch genau hier liegt ein grundlegendes anatomisches Missverständnis:


Denn die Wirbelsäule des Pferdes verläuft ganz anders, als viele Reiter es innerlich vor Augen haben – was wiederum weitreichende Konsequenzen für die heute vielerorts gängigen Trainingspraktiken hat.


Die Wirbelsäule des Pferdes – ein kurzer Überblick


Die Wirbelsäule des Pferdes besteht aus mehreren unterschiedlichen Abschnitten:


  • Halswirbelsäule

  • Brustwirbelsäule

  • Lendenwirbelsäule

  • Kreuzbein

  • und Schwanzwirbelsäule.


Diese Bereiche unterscheiden sich nicht nur anatomisch, sondern auch funktionell deutlich voneinander.


Die Halswirbelsäule verläuft nicht dort, wo viele sie vermuten


Viele Reiter stellen sich die Wirbelsäule unmittelbar entlang der sichtbaren Oberhals- und Rückenlinie vor.


Tatsächlich sieht die anatomische Realität jedoch ganz anders aus.


Besonders deutlich wird das bereits im Verlauf der Halswirbelsäule:


So wird diese oft unterhalb des Mähnenkamms in identischer Rundung wie der Hals an sich vermutet.


Tatsächlich beschreibt die Halswirbelsäule jedoch eine deutliche S-Kurve, recht oberflächlich beginnend am Genick und tief zwischen den Schulterblättern endend am sogenannten cervikothorakalen Übergang (CTÜ), wo sie anschließend in die Brustwirbelsäule übergeht.


Gerade der CTÜ spielt für Balance und Tragfähigkeit eine zentrale Rolle, wie ich im Artikel zur Halsbasis als Schlüsselstelle im Pferdekörper ausführlicher beschrieben habe.


Von außen ist dieser Verlauf allerdings nicht ohne Weiteres erkennbar. Stattdessen orientieren sich viele Reiter an der äußeren Halsform oder an der Position von Kopf und Nase.


Genau so entstehen innere Bilder, die später fälschlicherweise das Training beeinflussen. Denn wenn die sichtbare Halsform gedanklich mit dem tatsächlichen Verlauf der Wirbelsäule gleichgesetzt wird, folgt schnell die Vorstellung, der Hals müsse vor allem rund, tief usw. erscheinen, damit das Pferd „richtig“ läuft.


Die tatsächliche Organisation im Körper ist jedoch deutlich komplexer.


Warum die sichtbare Rückenlinie täuscht


Die optische Rückenform, die wir von außen wahrnehmen, entsteht zu einem großen Teil durch die unterschiedlich langen Dornfortsätze der Wirbel – also die knöchernen Fortsätze, die nach oben gerichtet sind.


Gerade im Bereich der Brustwirbelsäule sind diese Dornfortsätze teils sehr lang. Richtung Lendenwirbelsäule werden sie zunehmend kürzer. Zum Kreuzbein hin verlängern sie sich wieder leicht, um in Richtung der Schweifwirbel erneut deutlich abzuflachen.


Dadurch entsteht äußerlich der typische, wenn auch von Pferd zu Pferd individuelle Schwung der Rückenlinie.


Die massiven, tragenden Bestandteile von Brust- und Lendenwirbelsäule sowie des Kreuzbeins, die sogenannten Wirbelkörper, verlaufen in der Tiefe jedoch wesentlich gerader bzw. natürlicherweise sogar in einer leicht angedeuteten Aufwärtskurve.


Genau deshalb lohnt es sich, sichtbare Formen nicht vorschnell mit der tatsächlichen Organisation im Körper gleichzusetzen.


Kyphose und Lordose – ganz normale Krümmungen der Wirbelsäule


Begriffe wie Kyphose und Lordose werden im Pferdebereich in der Regel im Zusammenhang mit krankhaften Veränderungen verwendet – etwa bei einem Senkrücken oder einem sogenannten Karpfenrücken.


Tatsächlich beschreiben diese Begriffe jedoch zunächst einmal ganz neutral die natürlichen Krümmungen der Wirbelsäule, die wir, wie zuvor festgestellt, auch in der Wirbelsäule jedes gesunden Pferdes finden.


Wichtig ist deshalb vor allem, diese Krümmungen anatomisch und funktionell korrekt einzuordnen – und sichtbare äußere Formen nicht vorschnell mit der tatsächlichen Organisation der Wirbelsäule gleichzusetzen.


Das eigentliche „Hohlkreuz“ liegt häufig weiter vorne


Wenn Reiter vom „Hohlkreuz“ sprechen, sorgen sie sich in der Regel um die sichtbare Rückenlinie zwischen Widerrist und Kruppe.


Doch funktionell problematisch ist häufig ein ganz anderer Bereich: die zunehmende Enge der Lordose im Bereich des cervikothorakalen Übergangs.


Fehlt dem Pferd die Fähigkeit, den Rumpf zwischen den Schulterblättern zu tragen, sinkt auch die Halsbasis ab.


Die Vorhand wird zunehmend gestaucht und ihre natürliche Fähigkeit, Vorwärts- in Aufwärtsimpulse umzuwandeln, geht verloren.


Und genau dort entsteht häufig das eigentliche Problem.


Weshalb die Organisation der Vorhand dabei so entscheidend ist, habe ich im Artikel Warum die Vorhand im Pferdetraining oft missverstanden wird ausführlicher beschrieben.


Warum mehr Handeinwirkung das Problem häufig verstärkt


Viele Reiter versuchen bei Anlehnungsproblemen zunächst, die Haltung über die Hand stärker zu kontrollieren.


Das Pferd soll „mehr ans Gebiss herantreten“, runder werden.


Doch genau dadurch entsteht eine verstärkte Enge im Bereich des CTÜ.


Denn über die Hand lässt sich zwar der Pferdekopf mechanisch nach oben oder hinten bewegen – eine gesunde, funktionelle Aufrichtung entsteht auf diesem Weg jedoch nicht.


Je stärker der Hals über rückwärts wirkende Einwirkung verkürzt wird, desto enger wird auch die natürliche Lordose des CTÜ.


Die eigentliche Balance des Systems verbessert sich dadurch nicht.


Warum das Verständnis der Anatomie für Reiter so wichtig ist


Viele Trainingsbilder orientieren sich bis heute stärker an äußeren Formen als an der tatsächlichen Organisation des Körpers.


Doch der Rücken des Pferdes lässt sich nicht isoliert betrachten.


Er steht immer im Zusammenhang mit:


  • Vorhand,

  • Halsbasis,

  • Balance,

  • Spannungsverhältnissen,

  • und der Fähigkeit des Pferdes, Tragfähigkeit im gesamten System zu entwickeln.


Genau deshalb reicht es nicht, einzelne Körperabschnitte mechanisch „in Form“ bringen zu wollen.


Entscheidend ist vielmehr die Frage:


Wie organisiert sich das Pferd insgesamt im Gleichgewicht?


Was gesundes Pferdetraining dazu beitragen sollte, habe ich im Artikel Was gutes Pferdetraining im Körper leisten muss ausführlicher beschrieben.


Fazit


Der Rücken des Pferdes kann unter reiterlicher Belastung nur gesund bleiben – oder wieder gesund werden –, wenn seine tatsächliche Anatomie verstanden wird.


Denn viele Trainings- und auch Rehabilitationsstrategien orientieren sich weniger am realen Aufbau der Wirbelsäule als an äußeren Formen.


Natürlich spielen Muskulatur, Spannungszustand und die sichtbare Rückenlinie eine wichtige Rolle bei der Beurteilung eines Reitpferdes. Entscheidend ist jedoch immer, diese äußeren Bilder richtig einzuordnen – und sie nicht losgelöst von der funktionellen Organisation des restlichen Pferdekörpers zu betrachten.


Ein tragfähiger Rücken entsteht nur aus Balance im gesamten System:


  • mit aufgerichteter Vorhand,

  • gehobenem Rumpf,

  • funktioneller Organisation rund um Halsbasis und Schultergürtel,

  • und einem ganzheitlichen Verständnis für tragfähige Koordination.



Genau dort setzt auch meine Arbeit im Bereich Training und Rehabilitation an: nicht bei einzelnen Symptomen oder äußeren Formen, sondern bei der Frage, wie sich Balance, Tragfähigkeit und Bewegungsorganisation im gesamten Pferdekörper nachhaltig entwickeln können.

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