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Pferdetraining ist kein Kochbuch – warum Veränderung selten geradlinig verläuft

  • Autorenbild: Beate
    Beate
  • 8. Aug.
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 12. Aug.

Wenn plötzlich ein neues Problem auftaucht


Im Unterricht begegnet mir immer wieder eine Situation, die viele Reiter zunächst verunsichert:


Ein Pferd, das bereits seit einiger Zeit mit klarem Fokus auf Balance, Rotation und Tragfähigkeit gearbeitet wird, zeigt auf einmal ein neues Ausweichmuster oder plötzliches Abwehrverhalten. Eine Bewegung, die zuvor funktionierte, wird praktisch über Nacht zur Herausforderung.


Schnell entsteht hier die Frage: Haben wir etwas falsch gemacht?


Doch oft ist genau das Gegenteil der Fall.


Gerade dann, wenn Training beginnt, tiefer zu wirken, werden manchmal erst die nächsten Schichten eines Problems sichtbar.


Probleme im Pferdetraining sind selten eindimensional


Viele Schwierigkeiten im Pferdetraining entstehen nicht durch eine einzelne Ursache.


Gerade bei Pferden mit länger bestehenden Problemen liegen meist mehrere Ebenen übereinander:


  • körperliche Einschränkungen

  • ungünstige Trainingsgewohnheiten

  • alte Kompensationsmuster

  • Bewegungsstrategien, die sich über Jahre etabliert haben


Wenn Training beginnt, diese Strukturen zu verändern, verschiebt sich auch die Art, wie das Pferd seinen Körper organisiert.


Und genau in diesem Moment können neue Muster sichtbar werden.


Gutes Training muss deshalb mehr leisten, als nur einzelne Bewegungen zu korrigieren. Es geht darum zu verstehen, wie sich der Körper insgesamt koordiniert – ein Gedanke, den ich im Artikel Was gutes Pferdetraining im Körper leisten muss ausführlicher beschrieben habe.


Pferde sind oft wie eine Zwiebel


In solchen Situationen hilft ein Bild, das auf viele Pferde – insbesondere mit länger bestehenden Problemen – im Training zutrifft: Sie sind wie eine Zwiebel.


Schicht für Schicht arbeiten wir uns durch unterschiedliche Ebenen von Kompensation und Anpassung (und manchmal fließen vor lauter Frustration vielleicht auch ein paar Tränen ;-) ).


Wenn eine dieser Schichten sich löst, wird darunter oft eine neue sichtbar.


Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass das bisherige Training in die falsche Richtung gegangen ist. Im Gegenteil: Häufig zeigt sich gerade dann deutlicher, wo der eigentliche Kern des Problems liegt.


Und der Weg dorthin verläuft niemals geradlinig.


Warum Kochbuch-Training hier an seine Grenzen stößt


Genau aus diesem Grund funktioniert Pferdetraining selten nach einfachen Rezepten.


Aussagen wie „Hat dein Pferd Problem X, mache ab sofort am besten Y“ klingen klar und hilfreich – besonders in bunten Social-Media-Beiträgen.


In der Praxis greifen solche Vereinfachungen jedoch meist zu kurz.


Denn sie berücksichtigen nicht, dass jedes Pferd


  • eine eigene Geschichte

  • eigene Kompensationsmuster

  • und eine individuelle körperliche Organisation


mitbringt.


Gerade bei Pferden mit bestehenden Problemen geraten Reiter deshalb schnell an ihre Grenzen, wenn sie versuchen, Lösungen nach festen Rezepten anzuwenden.


Training bedeutet beobachten und anpassen


Gutes Pferdetraining besteht deshalb weniger darin, möglichst viele Lektionen oder Techniken zu beherrschen.


Entscheidend ist vielmehr die Fähigkeit,


  • Bewegungen zu spüren,

  • Veränderungen wahrzunehmen

  • und das Training immer wieder aufs Neue nach Bedarf anzupassen.


Genau darin liegt auch eine der wichtigsten Aufgaben von Reitunterricht: den Reiter selbst dazu zu befähigen, sein Pferd besser zu verstehen und eigenständig mit unterschiedlichen Situationen umzugehen.


Denn letztlich findet der größte Teil des Trainings nicht im Unterricht statt, sondern im Alltag zwischen Reiter und Pferd.


Besonders deutlich wird das in der Rehabilitation


Gerade im Bereich der Rehabilitation zeigt sich diese Dynamik besonders deutlich.


Wenn ein Pferd beginnt, seinen Körper anders zu organisieren, verändert sich oft zunächst die Art der Kompensation, bevor sich langfristig eine funktionelle, effiziente Bewegung entwickeln kann.


Warum Therapie für Pferde mit chronischen Beschwerden am Bewegungsapparat deshalb mehr ist als einzelne Behandlungen, habe ich im Artikel Rehabilitation beim Pferd – warum Therapie mehr ist als Behandlung ausführlicher beschrieben.


Geduld gehört zum Prozess


Wenn im Training plötzlich neue Schwierigkeiten auftauchen, ist das keineswegs automatisch als Rückschritt zu verstehen.


Oft ist es vielmehr ein Hinweis darauf, dass sich im Körper gerade etwas verändert – Schicht für Schicht –, wenn auch vorerst unsichtbar.


Und manchmal braucht es genau diesen Prozess, um dem eigentlichen Problem langsam näherzukommen.


Denn nachhaltiger Fortschritt in Training und Rehabilitation entsteht nicht dadurch, dass wir den Körper von außen korrigieren. Er entsteht, wenn das Pferd selbst beginnt, sich innerhalb ganzheitlicher Rahmenbedingungen neu zu koordinieren.


Warum dieser Prozess häufig anders verläuft, als wir es erwarten, und welche Rolle das sogenannte Unwinding dabei spielen kann, erläutere ich im entsprechenden Artikel ausführlicher.


Wem es gelingt, Training als solche Reise zu verstehen, hört schließlich auf, jede Veränderung sofort als Erfolg oder Misserfolg zu bewerten.


Stattdessen beginnt er zu erkennen, wie der Körper Schritt für Schritt neue Lösungen entwickelt.


Genau darin liegt nachhaltige Pferdeausbildung.


Wenn du genau diese Zusammenhänge bei deinem eigenen Pferd erkennen und im Training umsetzen möchtest, findest du hier mehr über meine Arbeitsweise.

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