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Unwinding – wenn der Körper beginnt, sich selbst zu entwirren

  • Autorenbild: Beate
    Beate
  • 9. Mai
  • 4 Min. Lesezeit

In vielen manuellen Therapien versucht der Therapeut, ein Problem direkt zu korrigieren: Ein Gelenk wird mobilisiert, eine Struktur gedehnt, eine Blockade „gelöst“.


Die osteopathische Technik Unwinding verfolgt einen anderen Ansatz.


Hier geht es nicht darum, eine Bewegung vorzugeben oder eine Struktur aktiv zu verändern. Stattdessen begleitet der Therapeut Bewegungen, die aus dem Gewebe selbst entstehen.


Der Begriff Unwinding bedeutet übersetzt „Entwirren“ oder „Abwickeln“.


Wer einmal versucht hat, einen Knoten aus einem Faden zu lösen, kennt das Prinzip: Zieht man kräftig daran, wird der Knoten meist nur fester. Wirklich lösen lässt er sich erst, wenn man ihn vorsichtig bewegt, lockert und ihm Raum gibt, sich Schritt für Schritt zu öffnen.


Genau so arbeitet Unwinding. Der Therapeut setzt einen sehr feinen Kontakt und folgt den Bewegungen, die das Gewebe selbst zeigt.


Ursprung in der Humanosteopathie


Unwinding stammt aus der Osteopathie und wird besonders in der craniosacralen Arbeit eingesetzt.


Dabei arbeitet der Therapeut mit minimalem Druck und hoher Aufmerksamkeit für Spannungsmuster im Körper. Die Hände dienen weniger als Werkzeug zur Korrektur, sondern eher als ruhiger Kontaktpunkt, an dem sich Spannungen reorganisieren können.


Manchmal entstehen dabei sehr kleine Bewegungen im Gewebe, manchmal deutlichere Bewegungen von Kopf, Wirbelsäule oder Extremitäten.


Der Körper beginnt gewissermaßen, sein eigenes Spannungsmuster zu entrollen.


Diese Form der Arbeit verlangt viel Geduld – und vor allem die Bereitschaft, dem Körper zuzuhören, statt ihn aktiv zu korrigieren.


Welche Rolle manuelle Techniken grundsätzlich in der Behandlung von Pferden spielen können und wo ihre Grenzen liegen, bespreche ich ausführlicher im Artikel „Osteopathie beim Pferd – Chancen und Grenzen von manueller Therapie“.


Osteopathie am Pferd: oft zu mechanisch gedacht


Überträgt man osteopathische Konzepte auf das Pferd, wird jedoch häufig ein anderer Weg eingeschlagen.


In vielen Ausbildungen und Behandlungen wird der Fokus stark auf mechanische Korrekturen gelegt:


  • Gelenke werden mobilisiert

  • Muskeln werden gedehnt

  • Blockaden „gelöst“

  • Strukturen gezielt manipuliert


Solche Techniken können sinnvoll sein und ihren Platz haben.


Problematisch wird es jedoch, wenn der Körper des Pferdes vor allem als mechanisches System aus Gelenken und Hebeln betrachtet wird.


Der Organismus eines Pferdes ist jedoch – genau wie beim Menschen – ein hochkomplexes Netzwerk aus:


  • Faszien

  • Muskeln

  • Nervensystem

  • Spannungsmustern


Diese Strukturen reagieren nicht nur auf Kraft und Bewegung, sondern auch auf feinste Veränderungen von Spannung und Druck.


Wenn osteopathische Arbeit zu grob oder zu mechanisch durchgeführt wird, besteht die Gefahr, dass diese feinen Zusammenhänge übergangen werden.


Pferde brauchen genauso feine Behandlung wie Menschen


Ein häufiges Argument lautet: Ein Pferd sei groß, kräftig und müsse deshalb auch kräftiger behandelt werden.


In Wirklichkeit stimmt das nur teilweise.


Ja, ein Pferd ist größer und schwerer als ein Mensch. Und ja, wir können es nicht einfach auf eine Behandlungsliege legen, um bestimmte Positionen zu erleichtern.


Doch die grundlegenden Gewebestrukturen unterscheiden sich nicht wesentlich.


Faszien, Muskeln, Bänder und Nerven funktionieren beim Pferd nach denselben biologischen Prinzipien wie beim Menschen.


Auch beim Pferd sind diese Strukturen fein, sensibel und reaktionsfähig.


Gerade Faszien reagieren oft besser auf sanfte, präzise Reize als auf starke mechanische Einwirkungen.


Eine differenzierte osteopathische Arbeit am Pferd erfordert daher häufig mehr Feingefühl – nicht mehr Kraft.


Unwinding als Prinzip im Training


Das Prinzip des Entwirrens findet sich nicht nur in der Therapie.


Auch im Training können wir unserem Pferd helfen, Spannungen und ungünstige Bewegungsmuster schrittweise zu lösen.


Bewegungsmuster im Körper entstehen über Zeit. Wenn sie einmal fest etabliert sind, lassen sie sich selten durch Druck oder Zwang verändern. Versucht man ein Pferd einfach stärker in eine gewünschte Form oder Bewegung zu bringen, zieht sich der Knoten oft nur weiter zusammen.


Viele Reaktionen, die im Training schnell als Ungehorsam interpretiert werden, sind in Wirklichkeit Ausdruck solcher körperlicher Spannungsmuster – ein Thema, das ich im Artikel „Das Märchen vom Gehorsam“ näher beleuchte.


Ein anderer Weg besteht darin, dem Körper neue Möglichkeiten anzubieten.


Durch kleine Veränderungen – beispielsweise an Balance, Ausrichtung der Halsbasis, Biegung und Rotation – kann der Körper beginnen, neue Bewegungsoptionen zu entdecken.


Gerade die Ausrichtung der Halsbasis spielt dabei eine zentrale Rolle für Balance und Bewegungskoordination. Mehr dazu findest du im Artikel über „die Halsbasis – unterschätzte Schlüsselstelle im Pferdekörper“.


Aus diesen kleinen Veränderungen heraus reorganisieren sich Spannungen häufig von selbst. Das Pferd findet Schritt für Schritt andere Wege, seinen Körper zu koordinieren.


In diesem Sinne kann gutes Training etwas sehr Ähnliches leisten wie Unwinding in der Therapie: Es schafft die Bedingungen, unter denen der Organismus seine Spannungsmuster selbst neu ordnen kann.


Mehr darüber, was gesunde Arbeit bewirken kann, liest du im Artikel: „Was gutes Pferdetraining im Körper leisten muss“.


Fazit


Unwinding beschreibt eine osteopathische Herangehensweise, bei der der Körper nicht korrigiert, sondern begleitet wird.


Statt Spannungen mechanisch zu lösen, bekommt der Organismus Raum, seine eigenen Bewegungs- und Spannungsmuster neu zu organisieren.


Gerade bei Pferden zeigt sich dabei immer wieder, dass Therapie selten isoliert wirkt. Nachhaltige Veränderungen entstehen meist erst dann, wenn Behandlung und Bewegung zusammen gedacht werden – ein Ansatz, der auch im Artikel „Rehabilitation beim Pferd – warum Therapie mehr ist als Behandlung“ im Mittelpunkt steht.


Und auch im Training zeigt sich immer wieder: Nachhaltige Veränderung entsteht selten durch mehr Druck – sondern oft dadurch, dass der Körper die Möglichkeit bekommt, seine eigenen Knoten zu lösen.

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