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Anlehnungsprobleme beim Pferd: Warum Nachgeben nicht erzwungen werden kann

  • Autorenbild: Beate
    Beate
  • 18. Juli
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 12. Aug.

Viele Reiter wünschen sich eine feine, weiche Verbindung zum Pferdemaul sowie ein nachgiebiges Genick.


Doch die Realität sieht im Alltag häufig anders aus:


Das Pferd macht sich fest. Es zieht gegen den Zügel. Es wird schwer in der Hand, bleibt hart im Maul oder entzieht sich der Anlehnung.


Die Reaktion vieler Reiter ist deshalb zunächst einmal völlig nachvollziehbar:


Sie versuchen, das Problem dort zu lösen, wo es sichtbar wird.


Die Einwirkung am Zügel nimmt zu, um mehr Nachgiebigkeit in Maul und Genick zu erzeugen.


Andere arbeiten gezielt mit Abkauübungen oder Flexionen – vor oder während des Trainings – in der Hoffnung, darüber eine bessere, weichere Anlehnung zu erreichen.


Warum viele Reiter so schnell eingreifen


Hinzu kommt ein weiterer Faktor:


Viele Reiter haben große Angst davor, dass ihr Pferd sich „nicht korrekt“ oder ungesund bewegt (Stichwort: Senkrücken! Wie berechtigt diese Sorge wirklich ist, beleuchte ich näher im Artikel Das Missverständnis vom Hohlkreuz beim Pferd).


Kommen auch noch kritische Blicke oder sogar Kommentare vom Reitplatzrand hinzu, entsteht regelrechter Handlungsdruck.


Man möchte das Bild korrigieren. Mehr Nachgiebigkeit erreichen. Das Pferd wieder „an den Zügel bringen“ – und das schnellstmöglich!


Die Folge ist auch hier in der Regel eine zunehmende Einwirkung über die Hand.


Genau an dieser Stelle wird ein häufiges und gravierendes Missverständnis deutlich:


Viele Reiter fragen sich vor allem, wie sie mehr Nachgeben in Maul und Genick erreichen können – und viel seltener, warum es überhaupt fehlt.


Warum Weichheit in Genick und Maul nicht über den Zügel entsteht


Viele Lösungsansätze zielen bloß auf eine optischen Retusche ab:


Das Maul soll tätig werden. Das Genick soll nachgeben. Die Stirnlinie soll näher an die Senkrechte kommen.


Doch genau das lässt sich über den Zügel nur äußerst limitiert und zudem rein oberflächlich beeinflussen, denn:


Eine weiche Anlehnung bei geschlossener Ganasche und sanft tätigem Maul können niemals dadurch entstehen, dass der Kopf mechanisch durch die Reiterhand nach hinten bewegt wird – ganz egal, ob durch Paraden, ein starres Festhalten oder sogar Rückwärtswirken am Zügel.


In allen drei Fällen wird der Pferdekopf durch die Einwirkung auf Laden und Maulwinkel (bei Nutzung eines Gebisses) oder auf das Nasenbein (bei den meisten gebisslosen Zäumungen) mechanisch in eine bestimmte Position gebracht und dort häufig auch gehalten.


Äußerlich entsteht so vielleicht das gewünschte Bild:


Die Stirnlinie nähert sich der Senkrechten, die Haltung erscheint „korrekter“.


Ein wirklich weicher Dialog zwischen Reiter und Pferd entsteht dadurch jedoch nicht.


Weichheit in Kiefer und Genick ist schließlich keine isolierte Reaktion. Sie ist Ausdruck davon, wie sich der gesamte Pferdekörper organisiert.


Nicht selten erreicht der Reiter durch stärkere Handeinwirkung also das Gegenteil:


Der Hals wird kürzer und fester, die Unterhalslinie spannt sich gegen die Zügeleinwirkung an und das Pferd wird vorne eher schwerer als leichter.


Warum das eigentliche Problem an anderer Stelle liegt


Anlehnungsprobleme zeigen sich zwar zunächst im Bereich von Kopf und Hals.


Ihre Ursache liegt jedoch häufig an anderer Stelle.


Spannungen in Kiefer und Genick entstehen nämlich selten rein lokal, sondern vielmehr als Ausdruck eines weiterreichenden Problems im gesamten System.


Besonders im Bereich des Genicks laufen zahlreiche myofasziale Linien zusammen, die eng mit Schultergürtel und Halsbasis verbunden sind.


Welche zentrale Rolle die Halsbasis dabei genau einnimmt, habe ich im Artikel Die Halsbasis – unterschätzte Schlüsselstelle im Pferdekörper erläutert.


Ebenso spielt die ganzheitliche Organisation der Vorhand hier eine wesentlich größere Rolle, als im klassischen Reitunterricht häufig vermittelt wird. Warum die Vorhand im Pferdetraining oft missverstanden wird, habe ich in diesem Artikel ausführlicher beschrieben.


Ein festgehaltener Kiefer, ein blockiertes Genick oder auch Abwehr gegen das Gebiss sollten deshalb immer im Zusammenhang der gesamten Bewegungsorganisation betrachtet werden.


Zahngesundheit und passende Ausrüstung vorausgesetzt, liegt die eigentliche Ursache vieler Anlehnungsprobleme häufig also nicht primär im Maul. Warum das Thema Gebiss deshalb meist zu kurzsichtig diskutiert wird, habe ich im Artikel Zäumung als Streitthema näher beleuchtet.


Warum Nachgeben allein keine Balance erzeugt


Genau hier liegt ein entscheidender Unterschied:


Nachgeben kann punktuell erzeugt werden.


Funktionelle Balance hingegen entsteht nur, wenn sich der gesamte Körper ganzheitlich effizient organisiert.


Manipulationen am Zügel oder Abkauübungen und Flexionen können kurzfristig sichtbare Reaktionen hervorrufen:


  • der Kiefer wirkt mobilisiert,

  • das Pferd kaut,

  • das Genick wird zum Nachgeben animiert.


Doch diese Veränderungen bedeuten nicht automatisch, dass sich die grundlegende Organisation von Balance im Körper verändert hat.


Denn Balance entsteht nicht lokal in einzelnen Strukturen.


Sie entsteht über das Zusammenspiel des gesamten Systems.


Anlehnung entsteht nebenbei


Nachgeben im Genick in Form einer weichen Anlehnung erreichen wir nicht durch das manuelle Herstellen einer bestimmten Position von Pferdekopf und -hals.


Es entsteht vielmehr nebenbei, wenn der gesamte Körper beginnt, eine tragfähige Balance zu entwickeln.


Heben sich Halsbasis und Rumpf zwischen den Schulterblättern, verändert sich die gesamte Organisation der Vorhand.


Warum der Bereich zwischen den Vorderbeinen dabei eine so entscheidende Rolle spielt, habe ich im Artikel über den Rumpftrageapparat ausführlicher beschrieben.


Das Genick wird dann nicht durch die Hand „in Position“ gebracht, sondern schiebt sich von selbst über den Unterkiefer nach vorne-oben.


Genau dadurch entstehen:


  • Weichheit in Genick und Kiefer,

  • mehr Länge im Hals,

  • mehr Raum für die Ganaschen,

  • und eine weiche Verbindung zur Reiterhand.


Nicht als isoliert und mechanisch erzeugte Reaktion – sondern als Teil einer besseren Gesamtbalance.


Worum es im Pferdetraining wirklich geht


Vielleicht liegt genau hier der entscheidende Perspektivwechsel.


Nicht die Frage: „Wie bringe ich das Pferd zum Nachgeben?“


Sondern: „Unter welchen Bedingungen kann das Pferd überhaupt funktionelle Balance entwickeln?“


Denn eine wirklich weiche Verbindung entsteht nicht über lokale Manipulation.


Sie entsteht dann, wenn der Pferdekörper beginnt, Bewegung neu zu koordinieren:


  • mit mehr Balance,

  • mehr Tragfähigkeit,

  • und einer feineren Abstimmung im gesamten System.


Wie gesundes Pferdetraining eine solche Entwicklung überhaupt ermöglicht, habe ich im Artikel Was gutes Pferdetraining im Körper leisten muss ausführlicher beschrieben.


Fazit


Kiefer und Genick spielen für die Anlehnung des Reitpferdes eine wichtige Rolle.


Doch eine funktionelle, weiche Integration dieser Strukturen lässt sich nicht isoliert über die Hand herstellen.


Sie entsteht vielmehr als Teil einer besseren Gesamtorganisation des Körpers.


Die Anlehnung sollte deshalb nicht künstlich herbeigeführt oder sogar erzwungen werden.


Im Idealfall liegt sie einfach „auf der Straße“, wenn Balance, Koordination und Tragfähigkeit beginnen, sich im gesamten System zu verbessern.


Die Aufgabe des Reiters besteht deshalb nicht darin, Anlehnung zu erzeugen, sondern geduldig die Bedingungen zu schaffen, unter denen sie überhaupt entstehen kann.


Und genau dort setzt auch meine Arbeit im Bereich Training und Rehabilitation an: nicht bei einzelnen Symptomen oder lokalen Korrekturen, sondern bei der Frage, wie sich Balance, Bewegungsorganisation und Tragfähigkeit im gesamten Pferdekörper nachhaltig entwickeln können.


Wenn du genau diese Zusammenhänge bei deinem eigenen Pferd erkennen und im Training umsetzen möchtest, findest du hier mehr über meine Arbeitsweise.

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