ISG-Probleme beim Pferd – warum die Diagnose „ISG-Blockade“ oft in die Irre führt
- Beate

- 14. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Ein Termin zur Pferdeosteopathie oder -physiotherapie gehört für viele bewusste Reiter längst zur Routine.
Nicht selten fällt dabei auch mal eine Diagnose, die im Stall fast schon wie ein Schreckgespenst umhergeht:
ISG-Blockade.
Endlich ist die Ursache für diverse Probleme gefunden: Die Seitengänge wollen nicht harmonisch gelingen. Das Pferd springt im Galopp nicht richtig durch. In versammelten Lektionen fehlt das nötige Engagement der Hinterhand. Vielleicht wirkt das Pferd beim Reiten schief, weicht im Übergang aus oder hält sich im Rücken fest.
Da kann man doch froh sein, wenn gerade ein fähiger Therapeut zur Stelle ist, der das „blockierte“ Gelenk mobilisiert, ein paar Dehnungen zeigt – und das Ganze so zügig aus der Welt schaffen kann.
Oder?
Doch was steckt eigentlich hinter dieser Diagnose? Und vor allem: Was kann der Reiter selbst tun, um seinem Pferd wirklich zu helfen?
Genau darum geht es auch in meinem Ansatz für nachhaltiges Pferdetraining und Rehabilitation:
nicht darum, Pferde immer wieder einem Therapeuten vorzustellen, sondern die Reiter selbst dazu zu befähigen, Zusammenhänge zu verstehen und so mit ihrer täglichen Arbeit wirksam Einfluss zu nehmen.
Auf diese Weise kann Pferdetraining zur besten Prävention chronischer Probleme am Bewegungsapparat werden. Mehr dazu liest du hier.
Was ist das ISG überhaupt?
Das Iliosakralgelenk – kurz ISG – verbindet das Kreuzbein mit dem Becken. Es liegt tief im Körper des Pferdes und bildet eine wichtige Schnittstelle zwischen Hinterhand und Rumpf.
Man spricht zwar von einem Gelenk. Das erzeugt bei vielen jedoch ein Bild, das mit der tatsächlichen Anatomie wenig zu tun hat.
Denn das ISG ist nicht vergleichbar mit einem deutlich beweglichen Schulter-, Knie- oder Ellenbogengelenk.
Es handelt sich um eine sogenannte Amphiarthrose: ein straffes, sehr fest geführtes Gelenk, stabilisiert durch kräftige Bänder und eingebettet in ein komplexes System aus Muskulatur und Faszien.
Sein Bewegungsspielraum ist minimal.
Was hier geschieht, sind keine großen Bewegungen, kein „Ein- und Ausrenken“, kein Verkeilen und anschließendes Lösen.
Vielmehr geht es um feinste Verschiebungen im Bereich von Spannung und Kraftübertragung.
Genau darin liegt seine eigentliche Aufgabe: Kräfte aus der Hinterhand in den Körper zu übertragen.
Warum die Vorstellung einer „Blockade“ so naheliegt
Der Begriff Blockade erzeugt ein sehr klares Bild:
Etwas sitzt fest. Etwas bewegt sich nicht mehr richtig. Und deshalb muss genau dort etwas gelöst werden.
Gerade deshalb wirkt die Diagnose oft so plausibel. Sie bietet eine einfache Erklärung für komplexe Probleme – und gleichzeitig die Hoffnung auf eine schnelle Lösung.
Doch genau hier beginnt das Missverständnis:
Viele Probleme rund um das ISG entstehen nicht dadurch, dass sich dieses Gelenk tatsächlich „verkeilt“ oder blockiert.
Denn dafür bewegt es sich anatomisch schlicht zu wenig und ist zu kompakt eingebettet.
Das eigentliche Problem liegt meist nicht im Gelenk selbst, sondern in den Strukturen, die es umgeben.
Was hinter sogenannten „ISG-Problemen“ oft wirklich steckt
Natürlich gibt es Pferde, die im Bereich des ISG Beschwerden entwickeln.
Doch meist handelt es sich dabei nicht um eine Blockade im wörtlichen Sinne.
Häufig sehen wir stattdessen ein Ungleichgewicht im umliegenden System:
zu viel Spannung in Muskulatur und Faszien rund um Becken, Lendenbereich und Hinterhand
ein Pferd, das einseitig kompensiert und so bestimmte Bereiche dauerhaft überlastet
fehlende Stabilität in Halsbasis und Rumpftrageapparat und dadurch eine ungünstige Kraftübertragung von hinten nach vorne
oder im Gegenteil: zu viel Beweglichkeit und mangelnde Stabilität im Bereich des Beckens.
Auch Überbeweglichkeit kann Probleme verursachen. Denn ein Bereich, dem es an Stabilität fehlt, reagiert häufig mit Schutzspannung.
Das Pferd hält fest. Es kompensiert. Es versucht, sich irgendwie zu schützen.
Und genau diese Spannung oder Instabilität kann dann Schmerzen und Bewegungseinschränkungen im Bereich des ISG hervorrufen.
Das Problem liegt selten dort, wo es sichtbar wird
Wenn ein Pferd Schwierigkeiten mit dem ISG zeigt, beobachten wir oft diffuse Symptome wie:
Taktfehler bis hin zu unklaren Lahmheiten
Probleme in der Lastaufnahme der Hinterhand
Schwierigkeiten in Biegung und Rotation
Doch all das sagt zunächst noch nichts darüber aus, wo die eigentliche Ursache liegt.
Denn der Bereich rund um das ISG steht in enger Verbindung mit dem gesamten myofaszialen System des Pferdes.
Das Pferd funktioniert nicht in Einzelteilen: Spannungen in der Hinterhand wirken sich auf den Rücken aus. Eine instabile Halsbasis oder ein schlecht organisierter Schultergürtel beeinflussen, wie Kräfte im Körper organisiert werden.
Deshalb müssen wir den Körper immer als Ganzes betrachten: als System aus Spannung, Stabilität und Kraftübertragung.
Wer sich näher mit diesem Gedanken beschäftigen möchte, findet im Artikel „Tensegrität beim Pferd – funktionelle Anatomie verstehen“ eine ausführlichere Einordnung.
Warum lokale Behandlungen oft nur kurzfristig helfen
Wird das Problem als „Blockade“ verstanden, liegt die Lösung meist ebenfalls im Lokalen: Mobilisieren. Manipulieren. Etwas lösen.
Teils zeigt das Pferd danach tatsächlich eine kurzfristige Veränderung. Manchmal bewegt es sich zunächst freier und das Reiten fühlt sich harmonischer an.
Doch häufig hält dieser Effekt nicht lange an.
Denn solange sich die Art und Weise, wie das Pferd seinen Körper organisiert, nicht verändert, kehrt auch das ursprüngliche Problem zurück.
Die Spannung entsteht erneut. Das Pferd fällt in seine alten Bewegungsmuster zurück.
Nicht, weil die Behandlung grundsätzlich fehlerhaft war – sondern weil sie an einem Symptom angesetzt hat, nicht an der Ursache.
Was dem Pferd wirklich hilft
Nachhaltige Veränderung beginnt deshalb nicht mit der Frage:
Wie löse ich die Blockade?
Sondern mit einer anderen:
Warum ist diese überhaupt entstanden?
Welche Bewegungsmuster, welche Spannungen, welche fehlende Stabilität stecken dahinter?
Erst wenn wir beginnen, diese Zusammenhänge zu verstehen, können wir dem Pferd wirklich helfen.
Nicht, indem wir immer wieder von außen eingreifen. Sondern indem wir dem Körper ermöglichen, sich anders zu organisieren.
Genau darum geht es auch im Artikel „Was gutes Pferdetraining im Körper leisten muss“: um ein Training, das nicht Symptome kaschiert, sondern Balance, Tragfähigkeit und echte Selbstorganisation entstehen lässt.
Fazit
Die sogenannte ISG-Blockade ist oft weniger eine tatsächliche Blockade des Gelenks als vielmehr Ausdruck eines Systems, das aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Der Begriff klingt konkret und greifbar. Doch genau dadurch verstellt er häufig den Blick auf die eigentliche Ursache.
Denn das ISG ist selten das primäre Problem.
Es ist vielmehr der Ort, an dem sichtbar wird, dass an anderer Stelle etwas nicht mehr stimmt.
Und genau dort beginnt die eigentliche Arbeit.


