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Lahmes Pferd: Pause, Bewegung, Training? Worauf es wirklich ankommt

Autorenbild: Beate
Beate
vor 3 Tagen
6 Min. Lesezeit

Wer ein lahmes oder verletztes Pferd versorgt, stellt sich früher oder später die Frage:


Soll ich mein Pferd weiterhin bewegen oder braucht es jetzt vor allem Ruhe?


Die Antworten darauf fallen oft sehr unterschiedlich aus. Während die einen jede Form von Training sofort einstellen würden, plädieren andere für kontrollierte Bewegung oder sogar ein angepasstes Rehabilitationsprogramm.


Wie so oft liegt die Wahrheit nicht in einem einfachen Ja oder Nein.


Denn nicht jede Lahmheit entsteht auf dieselbe Weise, nicht jede Genesung verläuft gleich und nicht jedes Pferd profitiert von denselben Maßnahmen.


Nicht jede Verletzung profitiert von Training


Ein Pferd mit einem akuten, hochgradig schmerzhaften Hufgeschwür profitiert selbstverständlich nicht von irgendeiner Form von Training.


In solchen Situationen steht zunächst die Behandlung der Ursache im Vordergrund.


Freie Bewegung nach eigenem Gefühl kann sinnvoll sein, gezielte Trainingsreize sind jedoch fehl am Platz.


Dasselbe gilt für viele andere akute und schmerzhafte Erkrankungen oder Verletzungen des Bewegungsapparates.


Eine wichtige Frage lautet deshalb immer:


Was genau ist eigentlich verletzt oder erkrankt?


Während manche Probleme innerhalb weniger Tage vollständig ausheilen können, benötigen andere Wochen oder Monate, bis die betroffenen Strukturen wieder belastbar sind. Manche Erkrankungen beeinträchtigen die Belastbarkeit des Bewegungsapparates nur geringfügig, andere erhöhen das Risiko weiterer Schäden bereits bei vergleichsweise kleinen Belastungen.


Deshalb geht es zunächst einmal um die Frage, was die betroffene Struktur aktuell überhaupt verkraften kann.


Hier ist es entscheidend, die Empfehlungen des behandelnden Tierarztes zu berücksichtigen. Die medizinische Versorgung und die Vorgaben zur Belastbarkeit der verletzten Struktur haben immer Vorrang vor allen Überlegungen zum Training.


Wie schmerzhaft ist das Geschehen aktuell?


Im nächsten Schritt gilt es einzuschätzen, wie schmerzhaft der derzeitige Zustand ist.


Schmerzen dienen als wichtiger natürlicher Schutzmechanismus und verändern grundsätzlich die Art und Weise, wie sich ein Pferd bewegt. Es versucht instinktiv, belastende Bewegungen zu vermeiden und schmerzhafte Bereiche zu entlasten. Jede Form von Training würde unter diesen Voraussetzungen vor allem eines fördern: Ausweich- und Kompensationsbewegungen.


In akuten Phasen mit hoher Schmerzhaftigkeit geht es daher zunächst nicht um Training, sondern um Heilung.


Damit scheint die Antwort auf die eingangs gestellte Frage recht einfach:


Das Pferd braucht Ruhe.


Doch hier lohnt sich ein genauerer Blick.


Denn was unter Ruhe tatsächlich zu verstehen ist, fällt in der Praxis oft deutlich weniger eindeutig aus, als es zunächst erscheint.


Ruhe ist nicht immer Ruhe und Bewegung nicht gleich Bewegung


Im Zusammenhang mit verletzten oder lahmen Pferden wird häufig über Ruhe oder Bewegung diskutiert.


Dabei wird oft übersehen, dass Ruhe nicht immer wirklich Ruhe bedeutet und Bewegung nicht gleich Bewegung ist.


Ein verletztes Pferd, das zur Schonung ausschließlich in seiner Box steht, kann sich dort in engen Wendungen um die eigene Achse drehen, einige Schritte vor und zurück machen oder versuchen, durch ein Fenster Kontakt zu seinen Nachbarn aufzunehmen. Manche Pferde nehmen Boxenruhe gelassen hin, andere beginnen bereits nach kurzer Zeit damit, auf den wenigen Quadratmetern zu toben. In dem Fall wäre Ruhe hier relativ zu betrachten. Insbesondere das geringe Platzangebot kann Sehnen und Gelenke unter Umständen stärker belasten als ein ruhiger, kontrollierter Spaziergang auf geeignetem Untergrund.


Ein Pferd, das seine Verletzung ohne gezieltes Training, aber mit freier Bewegung auf der Koppel auskurieren kann, wird dort von Zeit zu Zeit auch mal antraben oder angaloppieren, einen Hüpfer machen oder abrupt die Richtung wechseln. Solch kleine oder große Eskapaden relativieren ebenfalls die Ruhe, die eine geschädigte Struktur in diesem Rahmen tatsächlich erfährt.


Beide Beispiele zeigen, dass sich die tatsächliche Belastung eines verletzten Pferdes nicht allein daran beurteilen lässt, in welchem Rahmen es sich erholen darf.


Zwischen strikter Boxenruhe, „Doktor Koppel“ und regulärem Training existiert eine große Bandbreite unterschiedlicher Bewegungs- und Belastungsformen. Schonung bedeutet nicht automatisch wenig Bewegung. Ebenso bedeutet Bewegung nicht automatisch Überforderung.


Kontrollierte Bewegung im Rahmen eines niedrigschwelligen Reha-Programms kann den Körper entsprechend deutlich weniger fordern als manche Situationen, die während einer vermeintlichen Ruhephase ohnehin auftreten.


Genau deshalb greift die Frage nach Bewegung oder Ruhe häufig zu kurz.


Entscheidend ist nicht allein, ob sich ein Pferd bewegt, sondern welche Belastungen dabei tatsächlich auf seinen Körper wirken.


Die Ursache entscheidet über den weiteren Weg


Die Frage, welche Form von Bewegung sinnvoll ist, lässt sich jedoch nicht pauschal beantworten.


Denn dieselbe Maßnahme kann für das eine Pferd genau richtig und für ein anderes völlig ungeeignet sein.


Ob Ruhe, kontrollierte Bewegung oder ein gezieltes Rehabilitationsprogramm sinnvoll sind, hängt maßgeblich davon ab, warum das Pferd überhaupt lahm geworden ist.


Hier lohnt sich immer die Differenzierung zwischen medizinischer Diagnose und eigentlicher Ursache. Warum beides nicht zwangsläufig dasselbe ist, habe ich in diesem Artikel näher erklärt.


Während manche Probleme nun die Folge eines akuten Traumas sind, entwickeln sich andere schleichend über Monate oder sogar Jahre hinweg.


Und genau dieser Unterschied hat entscheidenden Einfluss darauf, welche Rolle Bewegung und Training während der Genesung spielen können.


Nicht jede Lahmheit entsteht plötzlich


Akute Verletzungen, beispielsweise nach dem Tritt eines anderen Pferdes oder in Folge eines Sturzes, erfordern häufig zunächst eine Phase der Entlastung. Bei vielen chronischen oder schleichend entstandenen Problemen sieht die Situation jedoch oft anders aus.


Degenerative Erkrankungen wie Hufrollensyndrom und Spat entwickeln sich selten von heute auf morgen. In der Regel entsteht die eigentliche Schädigung über einen langen Zeitraum hinweg. Auch bei Sehnen- oder Fesselträgerproblemen können länger bestehende Belastungsmuster eine Rolle spielen – akute Verletzungen bilden dabei eine wichtige Ausnahme. Auf dieses Thema gehe ich in meinem Artikel über die Entstehung von Lahmheiten beim Pferd ein.


Solche Diagnosen führen bei vielen Besitzern verständlicherweise zu großer Verunsicherung. Nicht selten steht dabei irgendwann die Frage im Raum, ob das Pferd überhaupt noch geritten oder langfristig sogar in Rente geschickt werden sollte. Warum eine Diagnose allein darüber aber nicht entscheiden sollte, habe ich in diesem Artikel näher beleuchtet.


Die entscheidende Frage muss stattdessen lauten:


Welche Bewegungs- und Belastungsmuster haben möglicherweise dazu beigetragen, dass diese Struktur überhaupt dauerhaft überlastet wurde?


Nach tierärztlicher Abklärung und innerhalb der vorgegebenen Belastungsgrenzen kann es deshalb sinnvoll sein, nicht ausschließlich über Ruhe nachzudenken, sondern über die Qualität der zukünftigen Bewegung - und das möglichst zeitnah.


Denn wenn eine bestimmte Art der Bewegung zur Entstehung des Problems beigetragen hat, wird eine mehrwöchige Trainingspause allein diese Zusammenhänge in der Regel nicht verändern.


Genau deshalb scheitern viele Therapien bei Erkrankungen wie Arthrosen, Hufrollen- oder Sehnenproblemen langfristig. Auf dieses Thema gehe ich in einem anderen Artikel näher ein.


Dasselbe gilt übrigens auch für viele klassische Rehamaßnahmen. Sie können wertvolle Unterstützung leisten und den Heilungsverlauf positiv begleiten. Die Frage, warum eine Struktur überhaupt überlastet wurde, beantworten sie jedoch nicht automatisch, wie ich im Artikel über stationäre Pferdereha weiter ausführe.


Wenn Ruhe allein nicht ausreicht


Gerade bei chronischen Erkrankungen des Bewegungsapparates besteht die Herausforderung häufig nicht darin, möglichst wenig zu tun, sondern das Richtige.


Denn die zentrale Überlegung lautet nun:


Warum wurde genau diese Struktur überlastet?


Die Antwort darauf ist selten so einfach, wie es zunächst scheint.


Viele Pferde entwickeln im Laufe ihres Lebens Ausweich- und Kompensationsstrategien, die sich über Monate oder Jahre hinweg immer weiter festigen. Nicht selten überlagern sich dabei mehrere Probleme gegenseitig.


Ein Pferd mit krankhaften Veränderungen im Hufrollenbereich hat seine Vorhand möglicherweise über lange Zeit stärker belastet, als sein Körper eigentlich verkraften kann. Ein Pferd mit Problemen im Bereich der Fesselträger hinten zeigt vielleicht seit Jahren Ausweichbewegungen vom Becken abwärts, die zunächst kaum auffallen, die Strukturen jedoch dauerhaft überfordern.


Die eigentliche Aufgabe besteht deshalb häufig darin, diese Muster überhaupt zu erkennen.


Wo weicht das Pferd aus?


Welche Strukturen versucht es zu entlasten?


Und vor allem: Warum tut es das?


Neue Bewegungsstrategien entstehen nicht von allein


Wenn die möglichen Zusammenhänge chronischer Beschwerden verstanden sind, stellt sich die nächste Frage:


Welche Alternativen kann ich dem Pferd anbieten? Welche Tür kann ich öffnen?


Denn ein Pferd lässt eine ungünstige Bewegungsstrategie nicht einfach deshalb los, weil sie theoretisch nicht optimal ist.


Aus Sicht des Pferdes erfüllt diese nämlich einen entscheidenden Zweck:


Sie ermöglicht Stabilität, vermeidet Schmerzen oder hilft dabei, andere körperliche Einschränkungen zu kompensieren.


Deshalb kann der Versuch, dem Pferd seine bisherigen Strategien schlicht zu verbieten, lediglich scheitern.


Vielmehr geht es darum, ihm neue Möglichkeiten anzubieten.


Neue Bewegungen.


Neue Belastungsverteilungen.


Neue Wege, seinen Körper zu organisieren.


Gerade aus diesem Grund kann es in chronischen Fällen (sobald es der Zustand der betroffenen Struktur zulässt) sinnvoll sein, bereits während der Genesung mit einem sehr sanften und individuell angepassten Rehaprogramm zu beginnen – selbstverständlich immer in Rücksprache mit dem behandelnden Tierarzt.


Denn wenn das Pferd neue Erfahrungen mit günstigeren, effizienteren und somit auch schmerzärmeren Bewegungsabläufen sammeln darf, kann es umso schneller auch den Weg in Richtung einer nachhaltigen Genesung einschlagen.


So kann Rehabilitation mehr sein als das bloße Hoffen auf Heilung.


Mehr zu diesem wichtigen Thema findest du im Artikel Rehabilitation beim Pferd – warum Therapie mehr ist als Behandlung.


Die eigentliche Frage lautet nicht: Trainieren oder pausieren?


Wer ein lahmes Pferd begleitet, sucht verständlicherweise nach einer möglichst klaren Antwort.


Soll das Pferd bewegt werden oder nicht?


Die Praxis zeigt jedoch, dass diese Frage das Problem nicht vollständig erfasst.


Entscheidend sind die Ursache der Lahmheit, die aktuelle Schmerzhaftigkeit und die Belastbarkeit der betroffenen Struktur.


Ein akutes Trauma benötigt häufig zunächst Ruhe, Zeit und Heilung.


Bei vielen chronischen Erkrankungen stellt sich dagegen zusätzlich die Frage, welche Bewegungs- und Belastungsmuster überhaupt zur Entstehung des Problems beigetragen haben.


Genau hier beginnt oft der eigentliche Weg zurück zu langfristiger Belastbarkeit.


Nicht mit der Frage, ob ein Pferd trainieren darf oder pausieren sollte.


Sondern mit der Frage:


Welche Form von Bewegung hilft diesem Pferd dabei, einen besseren Weg zu finden?


Den Erfahrungsbericht einer Schülerin, die sich aufgrund immer wiederkehrender Lahmheit ihres 9-jährigen Wallachs genau diese Frage stellen musste, findest du hier.


Individuelle Begleitung für Rehapferde


Viele chronische Probleme des Bewegungsapparates lassen sich nicht allein durch Abwarten, Schonung oder einzelne Therapien lösen. Entscheidend ist häufig die Frage, wie sich Bewegungsmuster langfristig verändern lassen und welche Belastungen für das einzelne Pferd sinnvoll sind.


Wenn du dein Pferd während der Rehabilitation oder beim Wiedereinstieg in die Arbeit gezielt begleiten möchtest, erfährst du hier mehr über meinen Onlineunterricht.

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