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Warum Lahmheiten oft Jahre vor den ersten Symptomen entstehen

Autorenbild: Beate
Beate
29. Aug.
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 3 Tagen

Erkrankungen des Bewegungsapparates gehören zu den häufigsten Gesundheitsproblemen beim Pferd. Dazu zählen Lahmheiten, Sehnenverletzungen, Gelenkerkrankungen unterschiedlichster Art sowie zahlreiche Hufprobleme.


Noch immer werden diese Erkrankungen in der Regel vor allem mit einzelnen Vorfällen in Verbindung gebracht: einem unglücklichen Tritt auf der Koppel, einem Sturz, einer Verletzung im Training oder einem anderen akuten Geschehen.


Solche Ereignisse können selbstverständlich eine Rolle spielen.


Angesichts der hohen Zahl an Erkrankungen des Bewegungsapparates stellt sich jedoch die Frage, ob wirklich jede dieser Diagnosen auf einen solchen Vor- bzw. Unfall zurückzuführen ist:


Eine Studie, die in der Fachzeitschrift Animals veröffentlicht wurde, untersuchte 1.358 Sportpferde aus unterschiedlichen Disziplinen und Leistungsniveaus. 553 Pferde – also 41 Prozent – zeigten eine Lahmheit.


Noch bemerkenswerter ist, wie häufig solche Bewegungsauffälligkeiten von den Menschen im Umfeld des Pferdes gar nicht erkannt werden. In einer Untersuchung des britischen Animal Health Trust zeigten 47 Prozent von 506 untersuchten Sportpferden Lahmheiten, die ihren Reitern oder Trainern nicht aufgefallen waren.


Lahmheit ist also nicht nur ein Problem, das irgendwann plötzlich sichtbar wird. Sie kann sich lange entwickeln, bevor sie als solche erkannt wird.


Warum der Weg zur Lahmheit oft Jahre dauert, lohnt sich deshalb genauer zu betrachten.


Was passiert, wenn ein Pferd eine Lahmheit zeigt?


Wenn ein Pferd erstmals lahmt, rückt der Fokus verständlicherweise auf der akuten Situation:


Wo liegt das Problem?


Welche Struktur ist betroffen?


Welche Diagnose stellt der Tierarzt?


Diese Fragen sind wichtig. Gleichzeitig lenken sie jedoch meist den Blick ausschließlich auf den Zeitpunkt, an dem die Schmerzen erstmals sichtbar werden – nicht auf den Weg dorthin.


Akute Traumata oder Unfälle einmal ausgenommen, ist deshalb oft die Frage viel interessanter, welche Veränderungen sich möglicherweise schon vorher im Körper abgespielt haben.


Dysfunktion beginnt oft lange vor der Diagnose


In der Praxis begegnen mir mehr Pferde mit funktionellen Einschränkungen als vollständig unauffälligen Bewegungsmustern.


Häufig zeigen sich beispielsweise:


  • veränderte Belastungsmuster und Ausweichbewegungen einzelner Gliedmaßen

  • eingeschränkte Rotationsfähigkeit von Rumpf und Becken


Diese Veränderungen entstehen selten nur durch spontane Traumata.


Deutlich häufiger entwickeln sie sich schleichend im Verlauf der Ausbildung und des Trainings. Die Grundlagen dafür werden oftmals bereits in jungen Jahren gelegt.


Die spätere Lahmheit markiert dann häufig nicht den Beginn des Problems, sondern lediglich den Zeitpunkt, an dem die Kompensationsfähigkeit des Körpers ihre Grenzen erreicht.


Welche Voraussetzungen gesundes Training schaffen muss, damit solche Belastungsmuster gar nicht erst entstehen, habe ich im Artikel Was gutes Pferdetraining im Körper leisten muss näher beschrieben.


Pferde funktionieren oft erstaunlich lange


Eine Besonderheit des Pferdes besteht darin, dass es viele Probleme lange kompensieren kann. Das hängt unter anderem mit seiner evolutionären Entwicklung als Fluchttier zusammen:


Für ein Pferd in freier Wildbahn ist dessen Schnelligkeit im Falle von Gefahr absolut überlebenswichtig. Entsprechend verfügt der Organismus über zahlreiche Strategien, um Leistungsfähigkeit möglichst lange aufrechtzuerhalten.


Der Körper versucht zunächst nicht, Belastungen gänzlich zu vermeiden, sondern sie anders zu organisieren.


Bewegungen werden nicht einfach eingestellt, sondern in ihrem Ablauf verändert.


Belastungen werden umverteilt, sodass bestimmte Strukturen mehr Arbeit übernehmen und andere weniger.


Spannungen entstehen dort, wo Stabilität fehlt.


Dadurch können Pferde teilweise erstaunlich lange „funktionieren“, obwohl ihre Bewegungsorganisation bereits deutlich eingeschränkt ist.


Wenn Kompensation zur Gewohnheit wird


Problematisch wird es, wenn solche Strategien dauerhaft bestehen bleiben.


Dann handelt es sich nicht mehr um kurzfristige Anpassungen, sondern um Bewegungsmuster, die sich zunehmend verfestigen.


Der Körper lernt, auf diese neue Weise zu arbeiten, um Schmerzen oder weiteren Schaden zu vermeiden.


Die Kompensation wird zum neuen Normalzustand.


Genau dadurch entsteht häufig der Eindruck, das Pferd bewege sich „schon immer so“. Tatsächlich hat sich das ursprüngliche Problem lediglich über lange Zeit in die Bewegungsorganisation integriert.


Je länger solche Muster bestehen bleiben, desto stärker beeinflussen sie Belastung, Koordination und Kraftverteilung innerhalb des Körpers.


Die ersten Warnsignale werden oft übersehen


Die frühen Hinweise auf solche Entwicklungen wirken häufig unspektakulär.


Ein Pferd erscheint faul oder triebig.


Ein anderes wird zunehmend eilig.


Manche Pferde zeigen Schwierigkeiten in der Biegung, Probleme in der Anlehnung oder wehren sich plötzlich gegen bestimmte Anforderungen.


Nicht selten werden solche Veränderungen zunächst als Ausbildungsproblem, Charaktereigenschaft oder mangelnde Motivation interpretiert.


Dabei können sie wichtige Hinweise darauf sein, dass der Körper bereits mit Kompensation beschäftigt ist.


Zwar bedeutet nicht jedes dieser Zeichen, dass sich daraus eine Erkrankung entwickeln wird. Aber Veränderungen verdienen Aufmerksamkeit – gerade dann, wenn sie wiederholt auftreten oder sich langsam verstärken.


Welche Folgen es haben kann, wenn solche Entwicklungen über Jahre unbemerkt bleiben, habe ich im Artikel Pferde in Frührente – ein stilles Alarmsignal näher beschrieben.


Irgendwann ist das Fass voll


Wie lange ein Pferd mit kompensatorischen Bewegungsmustern zurechtkommt, hängt von vielen Faktoren ab.


Unter anderem von:


  • individuellen körperlichen Voraussetzungen

  • Ausmaß der bestehenden Dysfunktionen

  • Intensität der Belastung

  • Trainingsgestaltung


Doch irgendwann stößt jedes System an seine Grenzen.


Dann reichen die bisherigen Anpassungsstrategien nicht mehr aus.


Häufig werden erst an diesem Punkt die Folgen auch für den Pferdebesitzer sichtbar:


  • Lahmheiten

  • chronische Rückenprobleme

  • wiederkehrende Leistungseinbrüche

  • zunehmende Schwierigkeiten bei bestimmten Bewegungen


Die Diagnose beschreibt dann möglicherweise einen strukturellen Schaden, beispielsweise:


  • degenerative Gelenksveränderungen wie Spat

  • Sehnenschäden

  • Hufrollensyndrom

  • Kissing Spines


Sie erklärt jedoch nicht zwangsläufig, warum dieser überhaupt entstanden ist.


Weshalb Befunde und tatsächliche Ursachen deshalb nicht zwangsläufig dasselbe sind, habe ich im Artikel Diagnose ist nicht gleich Ursache ausführlicher beschrieben.


Wenn keine eindeutige Ursache gefunden wird


Nicht immer gelingt es trotz umfangreicher Diagnostik, eine eindeutig verantwortliche Struktur zu identifizieren.


Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass kein Problem vorliegt.


Häufig zeigt sich vielmehr, wie schwierig es sein kann, langfristig entstandene funktionelle Belastungsmuster auf eine einzelne anatomische Struktur zu reduzieren.


Denn der Körper arbeitet nicht in isolierten Einzelteilen.


Werden Belastungen über Jahre umverteilt und kompensiert, entsteht häufig ein komplexes Gesamtbild, das sich nicht immer eindeutig auf einen einzelnen Befund zurückführen lässt.


Warum Therapie allein oft nicht genügt


Wird erst auf den sichtbaren Schaden reagiert, konzentriert sich die Behandlung verständlicherweise zunächst auf die betroffene Struktur.


Das ist wichtig.


Gleichzeitig bleibt jedoch die Frage bestehen, weshalb es überhaupt zu dieser Überlastung gekommen ist.


Bleiben die zugrunde liegenden Bewegungs- und Belastungsmuster insbesondere bei chronischen Lahmheiten unverändert, entstehen langfristig häufig neue Probleme – manchmal sogar an anderer Stelle.


Deshalb scheitern therapeutische Maßnahmen in diesem Fall eher nicht an der Qualität der Behandlung selbst, sondern daran, dass die eigentlichen Ursachen unverändert bestehen bleiben.


Auf diese Zusammenhänge gehe ich im Artikel Warum Therapien bei Hufrollensyndrom, Spat & Co. oft scheitern näher ein.


Und weil Therapie in der Regel nur einen Teil zur nachhaltigen Genesung beitragen kann, steht der Besitzer zudem meist vor der herausfordernden Frage: Soll mein Pferd jetzt ruhig bewegt oder lieber komplett geschont werden? Wie wichtig dabei die Unterscheidung zwischen akuter Verletzung und länger bestehenden Problemen ist, beschreibe ich im Artikel Lahmes Pferd: Pause, Bewegung, Training? Worauf es wirklich ankommt.


Prävention beginnt lange vor der Lahmheit


Wer ein langfristig gesundes und belastbares Pferd ausbilden möchte, sollte also nicht erst auf Symptome warten.


Prävention beginnt deutlich früher.


Sie beginnt dort, wo Bewegung entsteht:


Im Training.


In der Art, wie Balance erarbeitet wird.


In der Frage, ob Belastungen funktionell integriert oder dauerhaft kompensiert werden.


Und warum Rehabilitation letztlich denselben Grundprinzipien folgt wie gesundes Training, habe ich im Artikel Rehabilitation beim Pferd – warum Therapie mehr ist als Behandlung erläutert.


Fazit


Lahmheiten entstehen selten plötzlich.


Sichtbar werden sie meist erst dann, wenn die Fähigkeit des Körpers zur Kompensation erschöpft ist.


Die eigentlichen Ursachen reichen aber häufig deutlich weiter zurück – oft bis in die frühe Ausbildung oder langjährig etablierte Bewegungsmuster.


Deshalb beginnt Prävention nicht mit der Behandlung eines Befundes.


Sie beginnt mit dem Verständnis dafür, wie Bewegung organisiert wird, warum Kompensationen sich entwickeln und welche Konsequenzen daraus entstehen können.


Diese frühen Veränderungen zu erkennen, noch bevor sie strukturelle Schäden verursachen, schafft die Grundlage für langfristige Belastbarkeit, Gesundheit und Leistungsfähigkeit.


Wer die Ursachen wiederkehrender Probleme seines Pferdes besser verstehen und nachhaltig beheben möchte, findet im Onlineunterricht die Möglichkeit, funktionelle Zusammenhänge individuell für das eigene Pferd einzuordnen und daraus konkrete Trainingsschritte abzuleiten.

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