Schulterherein & Co. richtig erarbeiten? Warum viele Seitengänge ihr Ziel verfehlen

Wer ein Schulterherein reiten kann, hat sein Pferd gut ausgebildet – zumindest könnte man das meinen.
Kaum eine Übung genießt in der Pferdewelt einen so durchgängig positiven Ruf wie die klassischen Seitengänge. Schulterherein, Travers, Renvers und Traversalen gelten als Zeichen gesunder Ausbildung und fortgeschrittener Reitkunst. Häufig gehören sie auch einfach zum guten Ton.
Gleichzeitig versprechen sich viele Reiter umfassende gesundheitliche Vorteile für ihr Pferd, wenn sie Seitengänge regelmäßig ins Training einbauen: gezielter Muskelaufbau, wichtiges Training für den Rücken, Verbesserung der Versammlungsfähigkeit und vieles mehr. Immerhin bezeichnete der portugiesische Reitmeister Nuno Oliveira das Schulterherein als „Aspirin der Reitkunst“: Es heile alles.
Wie gut, dass es haufenweise praktische Magazinartikel, Tutorials und Social-Media-Clips gibt, die schnelle und einfache Anleitungen zur Erarbeitung unterschiedlicher Seitengänge versprechen.
Ein paar Tipps zur richtigen Hilfengebung, ein bisschen Stellung hier, etwas Biegung dort, die richtigen treibenden Impulse für die Hinterhand und schon soll das Pferd lernen, die entsprechende Lektion auszuführen.
Doch genau hier beginnt der Denkfehler, denn: Seitengänge sind keine Kunststücke oder Zirkuslektionen.
Seitengänge kann man nicht beibringen
Man bringt einem Pferd kein Schulterherein bei, wie man ihm beibringt, auf Kommando ein Bein zu heben oder sich zu verbeugen.
Seitengänge sind vielmehr Ausdruck bestimmter koordinativer Fähigkeiten des Pferdekörpers (und des Reiters). Sie stellen hohe Anforderungen an Balance, Biegung, Rotation und die Fähigkeit, den Rücken zu organisieren.
Genau deshalb können zwei Pferde auf den ersten Blick dieselbe Lektion zeigen und dennoch etwas völlig Unterschiedliches tun.
Das eine Pferd bewegt sich seitwärts auf mehreren Hufschlägen und erfüllt so optisch die Kriterien einer Schablone.
Das andere Pferd schafft es, seinen gesamten Körper entsprechend der hohen Anforderungen der Lektion zu koordinieren.
Für den Betrachter mag beides wie ein Seitengang aussehen.
Für den Körper des Pferdes besteht jedoch ein gewaltiger Unterschied.
Und genau deshalb sagt die grundsätzliche Fähigkeit, einen Seitengang auszuführen, zunächst erstaunlich wenig darüber aus, wie gut ein Pferd tatsächlich ausgebildet ist.
Warum die äußere Form täuschen kann
Pferde sind extrem kooperative Tiere.
Wenn wir ihnen eine Aufgabe stellen, werden sie fast immer versuchen, diese Aufgabe zu erfüllen. Selbst dann, wenn ihnen die körperlichen Voraussetzungen dafür eigentlich noch fehlen.
Ein Pferd kann im Schulterherein laufen.
Ein Pferd kann im Travers laufen.
Ein Pferd kann auch Traversalen absolvieren.
Die entscheidende Frage vergessen jedoch viele zu stellen:
Wie gelingt ihm das?
Entsteht die Bewegung aus Balance und einer guten Organisation des Körpers?
Oder entstehen die sichtbaren Seitwärtsbewegungen durch Ausweichmuster und Kompensationen?
Ist das Pferd überhaupt bereit für die Lektion?
Bevor ein Seitengang sinnvoll ins Training integriert werden kann, sollte genau betrachtet werden:
Kann mein Pferd die Anforderungen dieser Lektion überhaupt erfüllen?
Viele Pferde bringen Einschränkungen mit, die ihnen die korrekte Ausführung eines Seitengangs erschweren oder sogar unmöglich machen können, so beispielsweise:
Schwierigkeiten, den Rumpf zwischen den Schulterblättern zu heben – weitere Infos zum Rumpftrageapparat und seiner entscheidenden Rolle beim Thema Tragfähigkeit findest du hier
eine instabile Halsbasis – nähere Hintergründe zu dieser Schlüsselstelle im Pferdekörper erfährst du in diesem Artikel
ein- oder beidseitige Probleme mit Biegung und Rotation – mehr zu diesen wichtigen Aufgaben des Pferderückens findest du hier
Unter diesen Voraussetzungen mag die Lektion zwar optisch funktionieren.
Der gewünschte Trainingseffekt bleibt jedoch aus.
Und ist der Reiter bereit für die Lektion?
Genauso wichtig wie die körperlichen Voraussetzungen des Pferdes sind zum einen die Fähigkeiten, zum anderen das Verständnis des Reiters.
Denn jede Lektion kann nur so gut werden wie die Kommunikation, die ihr zugrunde liegt.
Viele Reiter konzentrieren sich bei Seitengängen verständlicherweise vor allem auf das Pferd. Dabei wird gern übersehen, dass auch der eigene Körper Teil des Bewegungsablaufs ist. Ein unausbalancierter Sitz und entsprechende Schwierigkeiten, den eigenen Körper im Einklang mit dem Pferd auszurichten, beeinflussen unmittelbar die Art und Weise, wie das Pferd die gestellte Aufgabe bewältigen kann.
Auf dieses Thema bin ich bereits ausführlicher in meinem Artikel über den Reitersitz eingegangen.
Ebenso entscheidend für das wirkliche Gelingen einer für den Körper tatsächlich förderlichen Lektion sind die inneren Bilder, die die Hilfengebung maßgeblich beeinflussen. Schließlich arbeitet jeder Reiter bewusst oder unbewusst mit bestimmten Vorstellungen davon, wie Bewegung aussehen sollte.
Schnell entstehen dabei Missverständnisse, die beispielsweise außer Acht lassen, dass:
Tempo nicht gleich Vorwärts ist,
mehr Tempo nicht automatisch für mehr Aufwärts sorgt,
Biegung im Hals keine Biegung im Rumpf garantiert,
kreuzende Bein nicht automatisch von korrektem Seitwärts zeugen.
Sitzt der Reiter mit derlei Missverständnissen im Sattel, eifert er einer falschen Schablone nach, statt gemeinsam mit seinem Pferd an einer funktionellen Bewegung zu arbeiten.
Warum falsch ausgeführte Seitengänge zum Problem werden
Seitengänge gelten zwar als gesundheitsfördernde Übungen.
Dabei wird jedoch oft übersehen, dass jede Lektion den Körper auch belasten kann – eben dann, wenn die notwendigen Voraussetzungen fehlen.
Ein Pferd, das die Anforderungen einer Lektion nicht erfüllen kann, wird trotzdem versuchen, den Wünschen seines Reiters irgendwie nachzukommen.
Es sucht nach alternativen Lösungen.
Es weicht aus.
Es kompensiert.
Diese Ausweichbewegungen fallen nicht immer sofort auf. Werden sie jedoch über Wochen oder Monate hinweg kultiviert, entwickeln sie sich zu festen Mustern.
Genau diese Muster spielen häufig eine zentrale Rolle, wenn Pferde später Probleme im Bereich von Sehnen, Gelenken oder anderen Strukturen des Bewegungsapparates entwickeln.
Nicht weil Seitengänge grundsätzlich schädlich wären.
Sondern weil sie ohne die erforderliche Koordination im Pferdekörper ihre positiven Auswirkungen auf diesen langfristig ins Gegenteil umkehren.
Wie sich solche Bewegungsmuster über Jahre hinweg entwickeln und warum erste Befunde oft deutlich später sichtbar werden als ihre eigentliche Ursache, habe ich im Artikel Warum Lahmheiten oft Jahre vor den ersten Symptomen entstehen näher beschrieben.
Manchmal ist weniger tatsächlich mehr
Genau deshalb sagt die Fähigkeit, sich seitwärts durch das Viereck zu bewegen, erstaunlich wenig über den tatsächlichen Ausbildungsstand eines Pferdes und seines Reiters aus.
Ein Pferd, das noch nicht mit Schulterherein und Co. gearbeitet wird, aber bereits über eine hohe Balance, eine stabile Halsbasis und eine feine Koordination seines Rückens verfügt, kann reiterlich deutlich weiter gefördert sein als ein Pferd, das die Lektionen theoretisch beherrscht.
Die sichtbare Lektion allein erlaubt keine Aussage darüber, wie gut ein Pferd tatsächlich ausgebildet ist.
Entscheidend ist nicht, ob die Form stimmt.
Entscheidend ist, wie der Körper die Aufgabe löst.
Gute Seitengänge beginnen lange vor dem ersten Schulterherein
Wer Seitengänge sinnvoll nutzen möchte, sollte deshalb nicht mit der Lektion beginnen – sondern mit ihren Voraussetzungen.
Balance.
Koordination des Rückens.
Biegung.
Rotation.
Gehören diese Grundlagen erstmal zum natürlichen Bewegungsablauf des Pferdes, ist jeder Seitengang und jede sonstige Lektion nur noch eine weitere Verfeinerung, eine Vertiefung dieser.
Und genau dann können Seitengänge tatsächlich das unterstützen, wofür sie ursprünglich gedacht sind:
Nicht die perfekte äußere Form.
Sondern eine bessere Organisation des Pferdekörpers.
Was ein gut aufgebautes Training insgesamt dazu beitragen sollte, habe ich in diesem Artikel näher für dich ausgeführt.
Fazit
Seitengänge gehören ohne Frage zu den wertvollsten Werkzeugen der Pferdeausbildung.
Ihr Nutzen entsteht jedoch nicht dadurch, dass ein Reiter grundsätzlich Schulterherein, Travers oder Traversalen abrufen kann.
Entscheidend ist, ob die dafür notwendigen Voraussetzungen vorhanden sind.
Denn Lektionen sind keine Kunststücke, die einem Pferd einfach beigebracht werden können, um sie anschließend per Knopfdruck abzurufen.
Sie sind Ausdruck einer hohen Qualität von Balance, Koordination und Körperorganisation.
Genau deshalb kann ein Pferd ohne Schulterherein manchmal weiter ausgebildet sein als ein Pferd, das die Lektion theoretisch bereits beherrscht.
Die entscheidende Frage lautet also nicht:
"Kann mein Pferd diese Lektion?"
Sondern:
"Verfügen mein Pferd und ich über die Fähigkeiten, aus denen diese Lektion ganz natürlich entstehen kann?"
Erst mit dieser Basis fördern Seitengänge einen gesünderen, koordinierteren und langfristig tragfähigen Pferdekörper.
Seitengänge sind nur die Spitze des Eisbergs
Wenn du herausfinden möchtest, welche Bewegungsmuster dein Pferd aktuell zeigt, welche Voraussetzungen für Seitengänge möglicherweise noch fehlen oder warum bestimmte Lektionen trotz großer Bemühungen nicht so gelingen, wie du es dir wünschst, begleite ich euch gern im Rahmen meines Onlineunterrichts.


