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Warum mehr Training nicht automatisch mehr Tragfähigkeit bedeutet

  • Autorenbild: Beate
    Beate
  • 6. Juni
  • 4 Min. Lesezeit

Viele Reitpferde werden regelmäßig intensiv und durchaus vielseitig trainiert.


Sie laufen beispielsweise mehrere Male pro Woche unter dem Sattel, arbeiten längere Sequenzen im Trab und Galopp, bewegen sich in Seitengängen sowie anderen versammelten Lektionen und verfügen so durchaus über Kraft und Ausdauer.


Und trotzdem zeigt sich bei genauerem Hinsehen in der Realität häufig ein wohl eher unpassendes Bild:


Die für Tragfähigkeit entscheidende Muskulatur entwickelt sich nur unzureichend. Gerade im Bereich des Rumpftrageapparates oder der wichtigen stabilisierenden Muskulatur der Wirbelsäule bleibt das erwartbare Muskelwachstum oft aus.


Wenn ich Reiter frage, wie regelmäßig der Sattel aufgrund zunehmender Muskulatur angepasst und die Kammer geweitet werden muss, gibt es deshalb nicht selten fragende Blicke.


Häufig wird dann vorschnell angenommen, der Sattel sei grundsätzlich zu eng gewesen und habe so den Muskelaufbau verhindert.


Tatsächlich kann die Ursache jedoch ebenso im Training selbst liegen: Viele Pferde entwickeln zwar Ausdauer, Aktivität oder Schubkraft – aber nicht die funktionelle Tragkraft, die für ein gesundes Reitpferd entscheidend wäre.


Mehr Bewegung bedeutet nicht automatisch mehr Tragfähigkeit


Im Pferdetraining wird „mehr Training“ häufig unbewusst mit „mehr Bewegung“ gleichgesetzt.


Mehr Trab. Mehr Galopp. Mehr Lektionen. Mehr Wiederholungen.


Doch Tragfähigkeit entsteht nicht allein dadurch, dass ein Pferd viel arbeitet.


Denn entscheidend ist nicht nur, dass sich ein Pferd bewegt – sondern vor allem, wie es seinen Körper dabei organisiert.


Ein Pferd kann über lange Zeit sehr aktiv trainiert werden und trotzdem Schwierigkeiten haben, die relevante Kraft zu entwickeln, um den eigenen Rumpf (zuzuglüch Reitergewicht) funktionell zu tragen.

Bevor also die Frage beantwortet werden kann, warum mehr Training nicht automatisch mehr Tragfähigkeit bedeutet, muss zunächst geklärt werden, welche körperlichen Veränderungen gesundes Pferdetraining überhaupt erreichen soll. Dazu findest du im Artikel Was gutes Pferdetraining im Körper leisten muss ausführliche Erläuterungen.


Wenn Training vor allem Kondition erzeugt


Viele Trainingsansätze orientieren sich stärker an Ausdauer und Aktivität als an funktioneller Bewegungsorganisation.


Das Pferd wird fitter. Belastbarer. Aktiver.


Doch gleichzeitig bleibt die grundlegende Organisation im Körper oft unverändert: Die Vorhand stützt weiterhin zu viel Last. Der Rücken stabilisiert eher über Spannung als über funktionelle Balance. Die Bewegungen wirken zwar aktiv – aber nicht wirklich leicht oder weich.


Gerade deshalb sehen wir nicht selten Pferde, die trotz regelmäßigen und durchaus anspruchsvollen Trainings keine stabile Tragfähigkeit entwickeln können.


Bewegung allein ist noch keine funktionelle Bewegung


Besonders deutlich wird dieses Missverständnis bei anspruchsvollen Lektionen wie Seitengängen.


Denn die gleiche Bewegung kann auf sehr unterschiedliche Weise und mittels der Nutzung unterschiedlicher Muskeln entstehen.


Zwei Pferde können äußerlich dieselbe Lektion zeigen – und dabei innerlich völlig unterschiedlich arbeiten.


Ein Pferd kann einen Seitengang laufen und dabei:


  • Balance organisieren,

  • den Rumpf funktionell anheben,

  • die Brustwirbelsäule in korrekter Rotation biegen,


oder dieselbe Lektion überwiegend über:


  • Spannung, Kompensation, Festhalten,

  • gegenläufige Rotation

  • und vermehrte Belastung der Vorhand lösen.


Von außen sieht die Bewegung dabei unter Umständen ähnlich aus. Für den Körper des Pferdes macht es jedoch einen enormen Unterschied.


Deshalb geht es im gesunden Pferdetraining nicht darum, möglichst viele Lektionen „abzuspulen“ oder Bewegung um jeden Preis zu erzeugen.


Entscheidend ist vielmehr, wie die Bewegung entsteht:


Warum die Rolle der Vorhand im Pferdetraining dabei häufig missverstanden wird, habe ich in diesem Artikel ausführlicher beschrieben.


Warum Tragfähigkeit nicht aus dem Hinterbein entsteht


Oft wird Tragfähigkeit vor allem mit mehr Aktivität der Hinterhand verbunden.


Doch funktionelle Tragfähigkeit entsteht keineswegs „hinten“ im Pferd - dort entsteht lediglich der allgemeine Vorwärtsimpuls.


Stattdessen hängt sie eng damit zusammen, wie der gesamte Körper:


  • diesen Impuls nutzen,

  • Balance organisieren,

  • Kräfte koordinieren

  • und den Rumpf zwischen den Vorderbeinen tragen kann.


Gerade der Bereich des Rumpftrageapparates spielt dabei eine zentrale Rolle.


Warum Tragfähigkeit deshalb wesentlich komplexer ist als „mehr Schub aus der Hinterhand“, habe ich in diesem Artikel ausführlicher beschrieben.


Auch die Organisation der Halsbasis beeinflusst maßgeblich, wie sich Balance und Bewegungsqualität im gesamten Körper entwickeln können.



Wenn Muskulatur beginnt zu kompensieren


Mehr Muskulatur ist nicht automatisch gleichbedeutend mit besserer Funktion.


Muskeln können:


  • tragen,

  • stabilisieren,

  • koordinieren,


aber ebenso:


  • kompensieren,

  • festhalten,

  • und fehlende Balance ausgleichen.


Gerade bei Pferden, die über längere Zeit stark über Vorhand und Spannung arbeiten, entsteht deshalb häufig ein Körpergefühl, das zwar kraftvoll wirkt – aber wenig echte Leichtigkeit oder funktionelle Stabilität bietet.


Das Pferd bewegt sich dann oft mit hohem Energieaufwand, ohne dass sich die eigentliche Tragfähigkeit nachhaltig verbessert.


Bleibt die gewünschte Entwicklung langfristig aus, wird häufig noch mehr trainiert. Mehr Wiederholungen, mehr Lektionen oder mehr Intensität sollen die fehlende Tragfähigkeit herbeiführen. Wenn die grundlegende Bewegungsorganisation unverändert bleibt, führt dies jedoch oft nur dazu, dass bestehende Kompensationen weiter gefestigt werden.


Woran sich funktionelle Tragfähigkeit erkennen lässt


Ein Pferd mit funktioneller Tragfähigkeit wirkt oft nicht einfach „spektakulärer“ oder kraftvoller.


Vielmehr entstehen häufig:


  • mehr Leichtigkeit,

  • bessere Balance,

  • weichere Bewegungen,

  • mehr Elastizität,

  • und eine stabilere Organisation im gesamten Körper.


Genau dadurch wird Bewegung häufig auch effizienter.


Das Pferd muss nicht zwangsläufig stark schwitzen oder schwer atmen, um sinnvoll gearbeitet zu haben.


Im Gegenteil: Wenn Balance und Tragfähigkeit funktionell organisiert werden können, beginnt der Körper zunehmend, elastische Energien des Sehnenapparates wiederzuverwenden. Bewegung wirkt dadurch oft müheloser, federnder und ökonomischer.


Der Rumpf beginnt sich funktionell zwischen den Vorderbeinen zu tragen, statt dauerhaft die Vorhand zu überlasten.


Genau dadurch verändert sich häufig nicht nur die Bewegung selbst, sondern auch das Körpergefühl des Pferdes insgesamt.


Tragfähigkeit entsteht nicht allein durch mehr Belastung


Entscheidend ist deshalb nicht allein, wie viel ein Pferd trainiert wird.


Sondern ob Bewegung so organisiert werden kann, dass Tragfähigkeit, Balance und funktionelle Stabilität überhaupt entstehen können.


Nachhaltige Veränderung entsteht selten allein über mehr Aktivität, mehr Tempo oder mehr Lektionen – sondern über die Art und Weise, wie der Körper lernt, Bewegung funktionell zu koordinieren.


Genau diese funktionelle Sicht auf Bewegung, Balance und körperliche Organisation bildet auch die Grundlage meiner Arbeit im Bereich Pferdetraining und Rehabilitation.

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